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Fakten

„Achtsam sein!“

Die demografischen Unwägbarkeiten Polens

16. Juni 2021
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Es ist zu hoffen, dass die am 1. April 2020 gestartete Volkszählung 2021 Klarheit über die demografische Lage eines Landes bringen wird, in dem die Zu- und Abwanderungszahlen gleichermaßen hoch sind.

„Noch ist Polen nicht verloren“ lauten die ersten Worte der polnischen Nationalhymne, die 1797 komponiert wurde, als das Land aufgeteilt wurde und von der Landkarte verschwand. „Was uns fremde Übermacht nahm, werden wir uns mit dem Säbel zurückholen!“ Heute wird Polen von keiner fremden Übermacht bedroht, und Säbel werden nicht helfen, die Zukunft des Landes zu sichern. Was das Land braucht, sind mehr Babys.

Bei der ersten Volkszählung nach dem Krieg 1946 wurden 23,9 Millionen Menschen gezählt (siehe Kasten unten). Wie auch anderswo in Europa führte der darauffolgende Babyboom zu einem rasanten Bevölkerungszuwachs, der 1996 mit 38,3 Millionen seinen Höhepunkt erreichte, auch wenn die Zahlen je nach Definition der zu zählenden Personen variieren. Am 1. April begann in Polen die Volks- und Haushaltszählung 2021, die gewiss die neueren Entwicklungen einer schrumpfenden und alternden Bevölkerung bestätigen wird. Schätzungen zufolge leben in Polen heute 37,9 Millionen Menschen, wobei die meisten temporären Migrantinnen und Migranten, wie Ukrainerinnen und Ukrainer, hier nicht berücksichtigt sind.

Bei der derzeitigen Entwicklung könnte Polens Bevölkerung laut der EU-Statistikbehörde Eurostat bis 2050 auf 34,1 Millionen und bis 2100 auf 27,65 Millionen Menschen geschrumpft sein. Hauptverantwortlich für Polens sinkende Bevölkerung sind die Abwanderung und die Tatsache, dass die Polinnen weniger Kinder bekommen. Dazu kommt, dass die Bevölkerung immer älter wird und die Zahl der Arbeitskräfte im Land abnimmt. In allen Industrieländern wird diesem Problem mit der Erhöhung des Pensionsalters begegnet, nicht zuletzt aufgrund der steigenden Lebenserwartung und Lebensqualität. Die polnische Regierung tat das Gegenteil und senkte das Pensionsalter.

Unlängst wurde das Land von Demonstrationen gegen das faktische Abtreibungsverbot erschüttert. Das Verbot erfolgte aus ideologischen und religiösen Gründen und stand nicht in direktem Zusammenhang mit der niedrigen Geburtenrate Polens. In einer derart aufgeheizten und verbitterten Atmosphäre sei es jedoch praktisch unmöglich geworden, „eine ernsthafte und vernünftige Diskussion“ über jedwede Dinge zu führen, die das Privatleben der Menschen betreffen, meint Prof. Irena Kotowska von der Warschauer Wirtschaftsuniversität, eine der führenden Demografinnen Polens. Das Problem bestehe aber darin, dass die Entscheidung für oder gegen Kinder nun mal „von gesellschaftlicher Relevanz“ sei.

In einem Land, dessen Bevölkerung schrumpft und altert, sind mögliche Anreize, um Menschen dazu zu motivieren, mehr Kinder zu bekommen, seit Langem ein wichtiges Diskussionsthema. Die Regierung ignoriere laut Kotowska jedoch die Arbeit von Expertinnen und Experten wie ihr, während sich die Opposition wohl nicht darauf einlassen wird, unpopuläre, aber höchstwahrscheinlich unvermeidliche Maßnahmen wie die erneute Anhebung des Pensionsalters mitzutragen.

Bevölkerungsveränderung in Polen (1946-2050). Infografik: © Ewelina Karpowiak / Klawe Rzeczy

Gleichzeitig übt sich Polens Politik in politischer Illusion, wenn es um die Frage der Einwanderung geht. Im Zuge der Migrationskrise 2015-16, als Deutschland mehr als eine Million Flüchtlinge und Migrantinnen und Migranten aufnahm, provozierte Polen mit der Weigerung, 7.000 Flüchtlinge aufzunehmen, einen Konflikt mit der Europäischen Kommission. Offiziell ist man gegen Einwanderung; tatsächlich leben im Land aufgrund des Wirtschaftswachstums und Arbeitskräftemangels mittlerweile etwa zwei Millionen Menschen ausländischer Herkunft.

Auf in den Westen!

In vielen mittel- und osteuropäischen Ländern begannen die Bevölkerungszahlen sehr bald nach dem Ende des Kommunismus im Jahr 1989 zu sinken. Grund dafür war der Wirtschaftseinbruch in den 1990er-Jahren, in dessen Folge viele Menschen ihre Heimat verließen und viel weniger Kinder geboren wurden. Die Bevölkerungszahl Polens stieg jedoch bis 1996 weiter an. Seitdem ist sie langsam zurückgegangen. Erst mit dem EU-Beitritt Polens 2004 nahm die Abwanderung an Fahrt auf. Während die meisten EU-Länder Übergangsregelungen einführten, was bedeutete, dass Polinnen und Polen in diesen Staaten einige Jahre lang über keine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis verfügten, war Großbritannien eine große Ausnahme unter den großen Mitgliedsländern. Die Anzahl der Menschen, die in dieser Zeit ausgewandert sind, ist beeindruckend. Im Jahr 2015 lebten schätzungsweise 2,4 Millionen Polinnen und Polen im Ausland, von denen die meisten seit 2004 ausgewandert waren. Im Jahr 2017 waren es allein in Großbritannien mehr als eine Million.

Gleichzeitig ging in Polen, wie auch anderswo in Mittel- und Osteuropa, die Zahl der Geburten stark zurück, ebenso wie die Sterblichkeitsrate. Anders ausgedrückt: Polinnen und Polen verließen nicht nur ihre Heimat, sondern diejenigen, die zurückblieben, bekamen weniger Kinder und lebten länger. Im Jahr 1950 konnten polnische Frauen zum Zeitpunkt ihrer Geburt mit einer Lebenserwartung von fast 62 Jahren rechnen. Bei Männern waren es knapp über 56 Jahre. Im Jahr 1989 betrug die Lebenserwartung 75,45 bzw. 66,8 Jahre. Im Jahr 2019 hingegen lag die Lebenserwartung für Frauen bei 81,8 und für Männer bei 74,1 Jahren; 2018 waren es EU-weit 83,7 bzw. 78,2 Jahre. Das polnische Volk kann also damit rechnen, in Zukunft noch länger zu leben. Heute liegt das Medianalter in Polen bei 41,3 Jahren, in der EU bei 43,9 Jahren, aber das Bevölkerungsalter steigt rasch an. Bis 2050 wird Polens Medianalter voraussichtlich 50 Jahre betragen, das fünfthöchste in der EU.

Polen – Demografische Kennzahlen. Infografik: © Ewelina Karpowiak / Klawe Rzeczy

In den Nachkriegsjahren wurde die höchste in einem Jahr registrierte Geburtenzahl 1955 erreicht. Damals wurden 793.847 Babys geboren und 261.576 Menschen starben, was bedeutet, dass die Bevölkerung, ohne Berücksichtigung der Migration, um 532.271 Menschen zunahm. 2002 gab es erstmals mehr Sterbefälle als Geburten, dieses Verhältnis drehte sich zwischen 2006 und 2012 jedoch wieder um. Seitdem wurden in Polen aber jedes Jahr mehr Särge als Wiegen gebraucht. Im Jahr 1950 lag die Fertilitätsrate Polens bei 3,7 Kindern pro Frau. Damit die Bevölkerung eines Landes langfristig erhalten bleibt, muss dieser Wert bei 2,1 liegen. 1989 wurde genau diese Zahl erreicht. Seit 1998 ist die Rate unter 1,5 geblieben und fiel im Jahr 2003 auf 1,23, was in jeder Hinsicht außerordentlich niedrig ist, erst recht für ein Volk, dessen Identität seit jeher mit dem römischen Katholizismus verbunden ist, der Geburtenkontrolle ablehnt. Im Jahr 2019 lag der Wert bei 1,44; im europäischen Durchschnitt sind es 1,53.

Im Jahr 2020 gab es 475.253 Sterbefälle. Damit starben 120.255 Menschen mehr, als Kinder geboren wurden. Das war die höchste Sterberate in einem Jahr (80.000 über dem langjährigen Durchschnitt der Sterbefälle pro Jahr) seit dem Ende des Krieges. Offiziell waren davon nur 28.500 Sterbefälle Covid-19 zuzuschreiben, tatsächlich aber dürfte die Pandemie aufgrund der niedrigen Testraten und unentdeckter Fälle für weit mehr Todesfälle verantwortlich gewesen sein. Weltweit gibt es erste Anzeichen dafür, dass Frauen aufgrund der durch Covid-19 bedingten wirtschaftlichen Unsicherheit weniger Kinder bekommen. Polens Geburtenrate ist seit Jahren rückläufig, aber 2020 kamen die wenigsten Babys seit 2003 zur Welt. Da Covid-19 nur für einen kleinen Teil dieses Rückgangs verantwortlich sein kann, werden die Zahlen für 2021 mehr Aufschluss über die Auswirkungen der Pandemie geben.

Größte demografische Verlierer. Prognostizierte Bevölkerungsveränderung in den Ländern Zentral- und Südosteuropas (1989-2050). Infografik: © Ewelina Karpowiak / Klawe Rzeczy

Abgesehen davon, dass die Polinnen und Polen länger leben und weniger Kinder bekommen, geht aus den Statistiken auch hervor, dass die Überalterung im Land mitunter daran liegt, dass viele jüngere Menschen ausgewandert sind. Einem Rechenbeispiel zufolge wären zwischen 2005 und 2014 in Polen zehn Prozent mehr Babys auf die Welt gekommen, wenn ihre Mütter nicht ausgewandert wären. Laut Jakup Krupa, einem in London lebenden polnischen Forscher und Journalisten, sind seit 2005 in Großbritannien 262.636 polnische Babys geboren worden. Die tatsächliche Zahl ist jedoch noch höher, weil Kinder, deren Mutter oder Vater die britische Staatsbürgerschaft besitzen, nicht als Polinnen oder Polen registriert werden, selbst wenn der betreffende britische Elternteil auch die polnische Staatsbürgerschaft besitzt. Die Zahl anglo-polnischer Babys ist nicht nur „hoch“, so Krupa, sondern bedeutet auch, dass polnische Frauen in Großbritannien und wahrscheinlich auch in anderen Ländern mehr Kinder bekommen als ihre Landsfrauen in der Heimat.

500+ für Familien

Hohe Abwanderungs- und niedrige Geburtenzahlen bereiten den jeweiligen polnischen Regierungen seit Jahren Sorgen. Um Ersteres zu bekämpfen, bedarf es in erster Linie eines höheren Lebensstandards, und tatsächlich sind die ehemals hohen Abwanderungsraten mit dem steigenden Wohlstand und höheren Löhnen im Land gesunken. Polnische Frauen davon zu überzeugen, mehr Kinder zu bekommen, scheint jedoch weitaus schwieriger zu sein, als die Wirtschaft anzukurbeln. Laut Kotowska war 2008 ein „Wendepunkt“, was die Strategie der Regierung zur Erhöhung der Geburtenrate betraf. Neben anderen familienfreundlichen Reformen wurden längere und flexiblere Karenzzeiten eingeführt. Es gab zusätzliche finanzielle Unterstützung für Familien, die Aufwendungen für Familien- und Kinderbeihilfen blieben jedoch bescheiden.

Die populistische und sozialkonservative Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS), die ihren Vorgängerregierungen die Schuld an der demografischen Situation im Land gibt, wartete 2016 mit einem völlig neuen Plan zur Geburtenförderung auf. Das Programm Familie 500+, das Familien ab dem zweiten Kind bis zum Alter von 18 Jahren 500 Zloty (umgerechnet 111 Euro) pro Monat gewährt, sollte Familien ermutigen, mehr Kinder zu bekommen. In den folgenden zwei Jahren stieg die Zahl der Geburten, sank danach aber wieder. Die Geburtenrate im Jahr 2020 war die niedrigste seit 2003. Neben anderen politischen Maßnahmen scheint diese finanzielle Hilfe jene Familien angesprochen zu haben, die bereits planten, mehr Kinder zu bekommen. Da nicht klar war, wie lange dieses Programm in Kraft bleiben würde, so Kotowska, hätten sich diese Menschen mit der Familienplanung beeilt. Finanzpolitisch gesehen gehe es dabei um „wirklich große“ Summen, sagt sie, aber langfristig hätten diese Zuwendungen „die Leute einfach nicht überzeugt, Eltern zu werden.“

Das 500+-Programm scheint aber noch weitere Auswirkungen gehabt zu haben. Es war eine echte Hilfe für Familien mit geringem Einkommen und sicherte der PiS eine treue Wählerschaft. Außerdem ermöglichte es Zehntausenden vor allem jüngeren Frauen, ihren Job aufzugeben, wodurch sich der Arbeitskräftemangel verschärfte. Sinkende Geburtenraten und Abwanderung bedeuten, dass die Zahl der Personen im erwerbsfähigen Alter im Land schrumpft. Dies war mit ein Grund, dass 2012 das Pensionsantrittsalter sowohl für Männer als auch für Frauen schrittweise auf 67 Jahre angehoben werden sollte. Diese Reform wurde von der PiS 2016 jedoch wieder rückgängig gemacht und das Pensionsantrittsalter wieder auf den alten Stand gesenkt – 60 Jahre für Frauen und 65 Jahre für Männer. Dieser Schritt war zwar populär, bedeutet aber, dass Pensionistinnen und Pensionisten in Zukunft geringere Pensionen erhalten werden und die Erwerbsbevölkerung im Land bereits jetzt deutlich geschrumpft ist. Von 2015 bis 2050 wird die Zahl der 15- bis 64-Jährigen um 28 Prozent sinken und die Zahl der über 65-Jährigen um 83 Prozent steigen.

Zu- und Abwanderung

Während die Geburtenraten in westeuropäischen Ländern ebenfalls zurückgegangen sind, ist die Bevölkerung vieler dieser Länder zur gleichen Zeit durch Zuwanderung, vor allem aus mittel- und osteuropäischen Ländern wie Polen, gewachsen. Zum Unterschied von anderen Ländern verzeichnet Polen jedoch in jüngster Zeit eine ebenso große Ab- wie Zuwanderung. Bereits 2007 war den politischen Entscheidungsträgern klar, dass Polen bald unter einem Arbeitskräftemangel leiden würde, weshalb die Zuwanderungsregelungen geändert wurden. Arbeitgebern wurde es dadurch erleichtert, ausländische Arbeitskräfte, insbesondere aus der Ukraine, einzustellen. Nach einem zunächst langsamen Anstieg, vor allem im Baugewerbe und in der Landwirtschaft, wo die Neuankömmlinge die in den Westen abgewanderten Polinnen und Polen ersetzten, begann die Zahl der Ukrainerinnen und Ukrainer erst mit der russischen Intervention in der Ukraine 2014 wirklich in die Höhe zu schnellen. Eher zufällig als geplant geschah dies auch genau zu jener Zeit, da der Arbeitskräftemangel aufgrund der Abwanderung von Polinnen und Polen merklich spürbar wurde. Im Gegensatz zu den Polinnen und Polen, die sich im Ausland niederlassen, haben die meisten Ukrainerinnen und Ukrainer nur kurzfristige Verträge, und da es für sie einfach und legal war, in Polen zu arbeiten, nahm man an, dass sich nur wenige von ihnen unregistriert und daher illegal im Land aufhielten. In den vergangenen Jahren ging man generell von etwa einer Million Ukrainerinnen und Ukrainer aus, die sich in Polen aufhalten könnten, was vor allem von der jeweiligen Saison in der Landwirtschaft abhängig ist.

Eine zu Beginn der Covid-19-Pandemie durchgeführte Untersuchung, bei der erstmals Daten aus neun Datenbanken zusammengetragen wurden, ergab jedoch, dass man mit den bisherigen Annahmen weit daneben lag. Im Juni 2020 veröffentlichte das polnische Statistikamt seine Schätzungen zur Zahl ausländischer Personen im Land. Demnach waren es Ende Februar 2,2 Millionen, von denen 1,39 Millionen ukrainischer Herkunft waren. Es waren tatsächlich „viel mehr Ukrainer, als wir dachten“, berichtet Marta Jaroszewicz vom Zentrum für Migrationsforschung der Universität Warschau. Die zweitgrößte Gruppe ausländischer Arbeitskräfte kam aus Belarus, gefolgt von anderen ehemaligen Sowjetstaaten, Indien, Vietnam und Nepal. In den ersten beiden Monaten der Pandemie verzeichneten die Behörden dann einen Rückgang von 10 Prozent bzw. 223.000 weniger Ausländerinnen und Ausländer.

Aber warum gibt es in Polen so viel mehr Ausländerinnen und Ausländer, vor allem aus der Ukraine, als bisher angenommen? Ein Grund könnte laut Jaroszewicz darin liegen, dass eine Registrierung durch die aufwändige und zeitraubende Bürokratie des Landes erschwert wird. Der zweite Grund sei, dass Arbeitskräfte bevorzugt illegal beschäftigt werden, auch um damit Steuerzahlungen oder Krankenversicherungsbeiträge zu umgehen. Jaroszewicz vermutet jedoch, dass immer mehr Ukrainerinnen und Ukrainer des Pendelns leid sind, und sich daher dauerhaft im Land niederlassen und ihre Familien nachholen.

Neue Daten aus Großbritannien haben jedoch einige interessante Fakten zutage gebracht. Im Zuge des Brexit mussten sich jene EU-Bürgerinnen und -Bürger, die sich weiterhin im Land aufhalten wollten, im EU Settlement Scheme registrieren. Im Juni 2020 lebten laut Angaben des Office of National Statistics (ONS) 815.000 Polinnen und Polen in Großbritannien. Da sich diese Zahl seit 2017, dem Jahr nach dem Brexit-Referendum, um 200.000 verringert hat, ist davon auszugehen, dass einige das Land verlassen haben. Bislang ist unbekannt, wie viele Polinnen und Polen seit Beginn der Pandemie aus dem Ausland zurückgekehrt sind. Nach Großbritannien leben die meisten der ausgewanderten Polinnen und Polen in Deutschland. Laut offiziellen Zahlen von Ende 2019 sind es 862.535. Somit sind die polnischen nach den türkischen Staatsbürgerinnen und -bürgern die zweitgrößte Gruppe der Ausländerinnen und Ausländer in Deutschland.

Manche mögen zwar die britische Staatsbürgerschaft erworben haben und deshalb nicht mehr als Polinnen bzw. Polen gezählt werden, tatsächlich ist die Zahl der Polinnen und Polen, die ihre Staatsbürgerschaft gewechselt haben, aber überraschend gering. Von Anfang 2007 bis Oktober 2020 hätten nur 58.667 Personen polnischer Herkunft die britische Staatsbürgerschaft erworben, sagt Krupa, der die Zahlen ausgewertet hat. Er führt diese niedrige Zahl darauf zurück, dass hierfür mit Kosten von bis zu 1.500 Pfund pro Person zu rechnen ist. Für die meisten Familien sei das einfach zu teuer. Laut britischen Aufzeichnungen lagen bis Ende Dezember 2020 insgesamt 854.630 „abgeschlossene Anträge“ von Personen polnischer Herkunft vor, die in Großbritannien bleiben wollen, wobei noch weitere sechs Monate Zeit für Anträge blieb. Auch wenn diese Zahlen nicht exakt auf die Anzahl von Antragstellerinnen und Antragstellern schließen lassen, zeigen sie, was von Krupa und vielen Gemeindevertreterinnen und -vertretern schon lange vermutet wird: Der Anteil der polnischen Bevölkerung in Großbritannien wurde vom ONS lange unterschätzt. Zähle man die Polinnen und Polen, die im Laufe der Jahre nach Großbritannien gekommen sind, zusammen, so Krupa, und addiere jene, die in der Generation geboren wurden, die während oder kurz nach dem Krieg eingewandert ist, könne man „mit Fug und Recht sagen, dass es irgendwo zwischen 1 Million und 1,5 Millionen“ Polinnen und Polen in Großbritannien gibt.

Die Volkszählung in Polen 2021, die zwischen dem 1. April und dem 30. Juni stattfindet, wird die Entwicklung einer schrumpfenden und alternden Bevölkerung zweifelsohne bestätigen, aber auch hoffentlich für mehr Klarheit als bislang sorgen. Auch die Volkszählung vom 21. März in England und Wales sollte im Hinblick auf die tatsächliche Zahl der Polinnen und Polen in Großbritannien Aufschluss bringen. Wenn es weit mehr sind, als bisher angenommen wurde, und sich gleichzeitig mehrere hunderttausend Ukrainerinnen und Ukrainer sowie Personen aus anderen Ländern in Polen aufhalten, wie viele Menschen leben dann tatsächlich in Polen und wie viele besitzen die polnische Staatsbürgerschaft? Die Antworten auf diese Fragen werden uns dabei helfen, zu verstehen, inwieweit Polen sich ähnlich wie ein reiches westliches Land entwickelt und seine demografischen und einige seiner sozialen Probleme durch Einwanderung löst. Polnische Frauen pflegen etwa ältere Personen in Deutschland und Großbritannien, und jetzt übernehmen zunehmend Menschen aus der Ukraine die Betreuung der Eltern dieser Pflegekräfte.

Der Artikel gibt die Meinung des Autors wieder und repräsentiert nicht den Standpunkt von BIRN oder der ERSTE Stiftung.

Original auf Englisch. Erstmals publiziert am 1. April 2021 auf Reportingdemocracy.org, einer journalistischen Plattform des Balkan Investigative Reporting Network. Der vorliegende Text ist im Rahmen des Europe’s Futures Projekts entstanden.

Aus dem Englischen von Barbara Maya.

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