Menü
Feature

Der Coronakrise nicht gewachsen.

Hilfe für Zagrebs Obdachlose bleibt aus.

Magazin > Feature > Der Coronakrise nicht gewachsen.

Pandemie, Erdbeben, Überschwemmungen – drei Katastrophen und drei verpasste Chancen, Kroatiens wachsender obdachloser Bevölkerung zu helfen.

„Aufgrund Ihres schwachen Immunsystems, Ihrer Lebensumstände und der vorhandenen Möglichkeiten, Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen, zählen Sie zu den Personen mit dem höchsten Risiko, sich mit dem Coronavirus zu infizieren. Sie können jedoch sich und andere schützen. Deshalb möchten wir Ihnen einige Empfehlungen der Behörden mit auf den Weg geben: Waschen Sie so oft wie möglich Ihre Hände mit Wasser und Seife … Vermeiden Sie es, Ihre Augen, Ihre Nase und Ihren Mund zu berühren – vor allem, wenn Sie sich nicht die Hände gewaschen haben. Bedecken Sie Mund und Nase beim Husten und Niesen mit einem Taschentuch oder niesen Sie in Ihre Armbeuge.“

Diese Anweisungen waren auf einem kleinen Flugblatt abgedruckt, das von der kroatischen Netzwerkorganisation für Obdachlose (Hrvatska mreža za beskućnike) verteilt wurde und sich für die obdachlose Bevölkerung Zagrebs in den Anfangstagen der Pandemie als eine rare und wertvolle Informationsquelle erwies.

Obdachlose haben kaum Zugang zu Medien wie Radio oder Fernsehen und besitzen oft auch kein Mobiltelefon, sodass viele zu Beginn der Pandemie nicht genau wussten, was vor sich ging. Aus diesem Grund war die Rolle des erwähnten kroatischen Netzwerks für Obdachlose in Zusammenarbeit mit dem Verein Fajter (Fighter) und anderen NGOs und Organisationen, die sich um Obdachlose kümmern, von so großer Bedeutung.

Als Kroatien am 25. Februar 2020 den ersten Coronavirus-Fall bestätigte, schien die Pandemie noch weit weg, auch wenn man, wie anderswo in Europa, die Entwicklung bereits mit zunehmender Besorgnis verfolgte. Weniger als einen Monat nach Auftreten des ersten Falls wurde am 22. März der öffentliche Verkehr sowie sämtlicher Verkehr zwischen Städten und Bezirken eingestellt und ein partieller Lockdown über das Land verhängt.

Zvonko Mlinar vom kroatischen Netzwerk für Obdachlose berichtete BIRN von den Anfangstagen der Pandemie. Da man wusste, dass Obdachlose besonders anfällig für das Coronavirus sind, forderte seine Organisation gemeinsam mit anderen NGOs im Bereich der Obdachlosenhilfe das Ministerium für Demografie, Familie, Jugend und Sozialpolitik (das später, nach den Wahlen im Juli, zu einem Mega-Ministerium für Arbeit, Rentenwesen, Familie und Sozialpolitik wurde) umgehend auf, das Winternotprogramm für Obdachlose (Plan zbrinjavanja beskućnika u zimskim uvjetima) zu aktivieren.

Dieses Programm wird jeden Winter, sobald die Temperaturen sinken, vom Ministerium gestartet. Es sieht vor, dass alle Unterkünfte in Kroatien ihre Kapazitäten entweder erweitern müssen, um mehr Obdachlose aufnehmen zu können, oder dass seitens der lokalen Behörden neue Kapazitäten bereitzustellen sind.

Theoretisch wurde das Programm zwar aktiviert, in der Praxis bot sich laut Mlinar jedoch „ein völlig anderes Bild“. Nicht alle lokalen Behörden stellten tatsächlich zusätzliche Kapazitäten zur Verfügung. Gleichzeitig gab es widersprüchliche Informationen: Einerseits wurden Notunterkünfte aufgefordert, Menschen aufzunehmen und ihre Kapazitäten zu erweitern; dann wieder hieß es, sie sollten geschlossen bleiben und zur Vermeidung einer Ansteckung niemanden hinein- oder herauslassen. In ganz Zagreb nahm von den drei Obdachlosenunterkünften nur jene in Velika Kosnica mehr Obdachlose auf.

Foto: © Ombudsfrau der Republik Kroatien
Die Obdachlosigkeit in Zagreb ist ein wachsendes Problem. Foto: © Ombudsfrau der Republik Kroatien

„Man muss bedenken, dass die Situation damals viel schlimmer war als heute, denn die Menschen hatten Angst“, so Mlinar gegenüber BIRN. „Sie wussten nicht, was sie erwartet. Es herrschte Panik unter den Obdachlosen.“

Ein wachsendes Problem

Laut offiziellen Angaben des Arbeitsministeriums waren 2019 in Kroatien 511 Menschen obdachlos, im Vergleich zu 391 im Jahr 2015. Die Gesamtkapazität aller Unterkünfte in Kroatien ist für nur 380 Personen ausgelegt. Es gibt jedoch eine große Diskrepanz zwischen den offiziellen Statistiken und dem, was Obdachlosenbetreuer Tag für Tag erleben.

Mlinar schätzt, dass allein in Zagreb zwischen 700 und 1.000 Obdachlose leben, während Mile Mrvalj vom Verein Fajter, der sich seit vielen Jahren für die Rechte von Obdachlosen einsetzt und früher selbst obdachlos war, die Zahl in der Hauptstadt sogar mit 2.000 beziffert. Laut Schätzungen von Obdachlosenhilfsorganisationen, NGOs und Fürsprechern für obdachlose Menschen gibt es in Kroatien etwa 10.000 Personen, die in städtischen Gebieten unter unzulänglichen Bedingungen leben.

„Der Punkt ist, dass die Leute in den Ministerien keinen Bezug zur Realität und den tatsächlichen Bedingungen vor Ort haben”, meinte Vesna Hari, eine Sozialarbeiterin der NGO Home of Hope (Udruga Dom nade), gegenüber BIRN. „Wir, die wir mit Obdachlosen zu tun haben, wissen um die Realität und – das muss betont werden – die Tatsache, dass das größte Problem jene sind, die aus anderen Teilen Kroatiens, sogar aus anderen Ländern, nach Zagreb kommen.“

Diese Menschen zieht es nach Zagreb, weil ihnen in der Hauptstadt mehr Möglichkeiten für eine Beschäftigung offenstehen und sie der Scham und dem Stigma entfliehen können, die mit Arbeitslosigkeit und Obdachlosigkeit in kleineren Städten und Dörfern einhergehen. „Du wirst in Zagreb nie hungern müssen“ hört man unter Obdachlosen und ihren Helfern häufig, was auf das große Netzwerk von Organisationen, Suppenküchen und NGOs hinweist, die Obdachlosen in der Hauptstadt eine Grundversorgung bieten. Dies löst das Problem jedoch nicht dauerhaft.

„Seit Jahren steigt die Zahl der Menschen, die von außerhalb Zagrebs kommen, aus ganz Kroatien, sogar aus Bosnien und Herzegowina. Und wir haben ihnen, abgesehen von ein paar Wohngemeinschaften, nichts zu bieten“, beklagte Hari.

Selbst diese Wohngemeinschaften, so Hari, seien aber, ähnlich wie andere NGOs, die sich um Obdachlose kümmern, auf jährliche Projektfinanzierungen angewiesen, was bedeutet, dass die Finanzierung nicht dauerhaft gesichert ist. Gerade diese Abhängigkeit von projektbezogenen Aktivitäten empfinden viele Menschen in der Obdachlosenhilfe als besonders problematisch.

Haris Organisation musste etwa Anfang 2020 ihre Arbeit einstellen. Daran war nicht das Coronavirus schuld, sondern Finanzierungsschwierigkeiten und die Tatsache, dass die Mittel für frühere Projekte ausgelaufen waren, bevor neue Quellen erschlossen werden konnten. Das kroatische Netzwerk für Obdachlose berichtete von ähnlichen Problemen.

Besonders schwierig ist das für NGOs wie jene von Hari, die Dusch- und Waschmöglichkeiten zur Verfügung stellen, denn es bedeutet, dass sie den Bezug zu ihren Klienten verlieren und das Vertrauen, das sie zu ihnen aufgebaut haben. Der Wegfall von Fördermitteln geht auch oft mit der Kündigung von Mietverträgen einher, sodass NGOs und Vereine gezwungen sind umzuziehen, was Home of Hope schon mehrmals passiert ist.

Nach Haris Dafürhalten sollte die Stadt Zagreb zumindest eine Art Aufnahmezentrum zur Verfügung stellen, wo jene, die in die kroatische Hauptstadt kommen, wenigstens einen Platz zum Schlafen bekommen und eine Art Triage für die Obdachlosen durchgeführt werden könnte.

© Antonio Bronic / Reuters / picturedesk.com
Menschen flüchten nach dem Erdbeben in Zagreb am 22. März 2020 ins Freie. Foto: © Antonio Bronic / Reuters / picturedesk.com

Das Arbeitsministerium teilte BIRN mit, dass man allein im Jahr 2020 insgesamt 20 Projekte und Programme in Höhe von knapp 4 Millionen Kuna (530.000 Euro) umsetzen werde. Auf die Frage, wie es angesichts der Tatsache, dass die Temperaturen jetzt zurückgehen und die Pandemie nicht nachzulassen scheint, in Zukunft weitergehen soll, verwies das Ministerium auf sein Winternotprogramm für Obdachlose und erklärte, dass derzeit ein neuer Plan für den Winter 2020/21 in Vorbereitung sei.

Mobilitätsprobleme

Als der öffentliche Nahverkehr am 22. März eingestellt wurde, traf dies vor allem Obdachlose, da sie keine Möglichkeit hatten, die hauptsächlich im Stadtzentrum befindlichen Suppenküchen aufzusuchen.

Für Mrvalj vom Verein Fajter war der Beginn der Pandemie furchtbar: „Die Obdachlosen waren verwirrt. Man forderte sie sogar auf, öffentliche Plätze zu verlassen; sie konnten nicht glauben, was da vor sich ging. Außerdem: Woher sollte ein Obdachloser eine Maske oder Hygieneartikel bekommen? Diese Menschen sind potenzielle Superspreader … Sie können sich leicht mit Covid-19 infizieren und andere anstecken. Und man hat sie einfach von den Straßen und öffentlichen Plätzen verjagt, ohne sie überhaupt zu informieren. Sie wussten nicht, was Covid-19 bzw. ein Coronavirus ist; sie wussten nur, dass es gefährlich ist. Von anderer Seite hörten sie wiederum, dass das alles ein Scherz, eine Lüge sei.“

Angesichts der sich verschlimmernden Situation wandte sich die kroatische Ombudsfrau Lora Vidović am 2. April an das Ministerium für Demografie und wollte wissen, ob man in Anbetracht der Krise zusätzliche Unterbringungskapazitäten für Obdachlose bereitzustellen plane, möglicherweise in beheizten Zelten oder Wohncontainern, wie sie nach den Überschwemmungen im Jahr 2014 zum Einsatz gekommen waren.

Zudem forderte Vidović das Innenministerium auf, sich damit zu befassen, wie der „Beschluss über strenge Beschränkungsmaßnahmen bezüglich des Herumlungerns“ umgesetzt werde und wie man Obdachlose über die Pandemie informieren würde.

In seiner Antwort wies das Ministerium für Demografie darauf hin, dass das Winternotprogramm für Obdachlose gestartet worden sei. Darüber hinaus verwies man auf Angaben des Innenministeriums, wonach alle Bürgerinnen und Bürger in gleicher und angemessener Weise über die Krise informiert worden seien und dass Exekutivbeamte Personen nur dann auffordern würden, sich zu zerstreuen, wenn sich mehr Menschen an einem Ort versammelt hätten als erlaubt.

Aus dem Innenministerium hieß es außerdem, dass Obdachlose an Notunterkünfte vermittelt worden seien. Fragen seitens BIRN zur Anzahl der Personen, die von der Polizei in die Unterkünfte gebracht wurden, oder zur Art und Weise, wie die obdachlose Bevölkerung über die Situation informiert worden sei, blieben unbeantwortet.

Nach den anfänglichen Problemen begann die Stadt Zagreb Ende März, Anfang April doch zu reagieren und organisierte innerhalb von zwei Wochen zusätzliche Suppenküchen in verschiedenen Teilen der Stadt sowie Spenden in Form von Mundschutzmasken und Desinfektionsmitteln.

Romana Galić, Leiterin des städtischen Amts für soziale Sicherheit und Menschen mit Behinderungen, hob die Bereitschaft vieler, sich ehrenamtlich an der Zubereitung und Verteilung von Speisen an Obdachlose zu beteiligen, positiv hervor. Sie bekräftigte auch, dass niemand abgewiesen werde, der eine Unterkunft aufsuchte, und dass jeder etwas zu essen bekommen würde. Hilfskräfte, die sich vor Ort um Obdachlose kümmern, betonen jedoch immer wieder den krassen Unterschied zwischen den Informationen seitens der Behörden und dem, was sich in der Realität abspielt.

© PIXSELL / EXPA / picturedesk.com
Ein beim Erdbeben der Stärke 5,3 am 22. März 2020 beschädigtes Haus nahe Zagreb. Foto: © PIXSELL / EXPA / picturedesk.com

Nicht nur Obdachlose, auch Menschen aus anderen sozial benachteiligten Bevölkerungsschichten berichten, dass sie nicht ausreichend über die ihnen zustehenden Rechte bzw. Unterstützung aufgeklärt werden. Darüber hinaus sind Sozialarbeiterinnen und -arbeiter bisweilen überfordert oder zu erschöpft, um sie zu informieren und ihnen zu helfen. Obdachlosenbetreuer erzählten BIRN auch, dass sie von Fällen wissen, wonach Obdachlose in diversen Unterkünften abgewiesen wurden.

Vom Regen in die Traufe

In den frühen Morgenstunden des 22. März erschütterte ein Erdbeben die Stadt Zagreb. Mit einer Stärke von 5,5 war es das heftigste Beben in der kroatischen Hauptstadt seit mehr als hundert Jahren. Am 24. Juli wurden Zagreb und andere Teile des Landes überdies von schweren Überschwemmungen heimgesucht, die noch mehr Menschen obdachlos machten.

Die Sozialarbeiterin Andrea Kozar Pasanec und die Psychologin Lana Trupković, die beide in der Notunterkunft in Kosnica nahe Zagreb tätig sind, erzählten BIRN, dass sich in der Zeit nach dem Erdbeben die Gründe, warum Menschen Schutz suchten, zu verändern begannen.

„Menschen kamen zu uns, weil ihre Wohnungen vom Erdbeben zerstört worden waren oder weil sie während der Pandemie ihre Arbeit verloren hatten – das waren in der Regel Leute, die im Baugewerbe oder im Dienstleistungssektor arbeiteten“, meinten sie.

Tatsächlich hat die Dreifachkatastrophe – Pandemie, Erdbeben und Hochwasser – die bestehenden wirtschaftlichen Probleme verschärft, was dazu führt, dass Menschen aus dem ganzen Land um Unterbringung in den Notunterkünften in Zagreb anfragen, weil es dort, wo sie herkommen, keine Kapazitäten mehr gibt. Kozar Pasanec und Trupković nennen Slawonien, eine von der Wirtschaftskrise gebeutelte Region mit hoher Arbeitslosenrate, als Beispiel.

Alle Personen, die BIRN interviewte, betonten, dass die Zahl hilfsbedürftiger sowie obdachloser Menschen unbestritten wächst. Hilfskräfte, die sich vor Ort um Obdachlose kümmern, weisen darauf hin, dass man vor allem in Zagreb immer mehr Menschen sieht, die auf der Straße leben oder ein Dasein knapp über bzw. unter der Armutsgrenze fristen.

Einige der Obdachlosen, mit denen BIRN sprach, gaben an, dass sie aufgrund der Coronakrise ihre Arbeit verloren hätten. Jerko, der nur seinen Vornamen nannte, verlor im März seinen Job. Seine Gemeindewohnung wurde bei dem Erdbeben zerstört. Ein anderer, Josip, lebte mit seiner Partnerin in der Wohnung seines Bruders, die jedoch ebenfalls durch das Erdbeben zerstört wurde. Dann verlor er im Sommer seinen Job auf dem Bau.

Auch wenn Josip nicht glaubt, dass es schwer sei, eine neue Stelle im Baugewerbe zu finden, gestalte sich die Suche nach einer leistbaren Wohnung in Zagreb äußerst schwierig. Die Mieten sind für viele zu hoch und obendrein verlangen die Vermieter häufig mindestens eine Monatsmiete als Kaution. Obwohl es der Regierung in ihren Bemühungen zur Abfederung der Auswirkungen der Covid-19-Krise gelang, die Massenarbeitslosigkeit vorerst abzuwenden, befürchten viele, dass der kroatischen Wirtschaft, die stark vom Tourismus und Dienstleistungssektor abhängt, nach Auslaufen der Maßnahmen eine harte Zeit bevorsteht. Auch wenn die Folgen der Krise noch nicht in vollem Umfang absehbar sind, sind einige erste Entwicklungen ein Vorgeschmack auf das, was noch kommen wird.

„Immer mehr Menschen sind nervös, misstrauisch, verängstigt, mittellos, befinden sich in einer prekären Lage und haben keine Arbeit. Es werden immer mehr …“

– Mile Mrvalj, Verein Fajter

Galić verweist auf eine Studie des städtischen Amts für soziale Sicherheit und Menschen mit Behinderungen, die mit einer relativ kleinen Gruppe von 118 Personen durchgeführt wurde und ergab, dass 20 Prozent der Befragten aufgrund der Coronakrise ihren Arbeitsplatz verloren hatten.

Das Erdbeben habe Galić zufolge möglicherweise noch mehr Schaden angerichtet als die Pandemie. „Das Erdbeben hat uns wirklich einen Dämpfer versetzt, alle unsere Kapazitäten sind derzeit auf diejenigen ausgerichtet, die bei dem Unglück ihr Zuhause verloren haben“, erzählte sie BIRN. „Das ist keine Ausrede. Das Erdbeben bedeutete für uns einen herben finanziellen Rückschlag, vielleicht sogar mehr noch als die Coronakrise.“

Wenn jede Krise eine Chance in sich birgt, dann sollten die drei Naturkatastrophen, die Zagreb im Jahr 2020 heimgesucht haben, den Behörden den perfekten Anlass bieten, um langfristige, systemische Maßnahmen gegen Obdachlosigkeit zu entwickeln.

Olja Družić Ljubotina, Professorin am Institut für Sozialarbeit der Universität Zagreb, hält die Bildung eines eigenen Gremiums für sinnvoll, um klare Pläne für das Vorgehen in Krisenzeiten erstellen und die Bemühungen um die Betreuung der Betroffenen in diesen Zeiten seitens der lokalen Behörden, zuständigen Ministerien und Obdachlosenorganisationen bündeln zu können.

„In außergewöhnlichen Situationen wie dieser sollten jedoch der Schutz von Menschenleben und die Deckung von Grundbedürfnissen an erster Stelle stehen“, meinte sie. „Ich finde, dass dies eine außergewöhnliche Situation ist, die außergewöhnliche Maßnahmen erfordert, die von üblichen Normen und Vorkehrungen abweichen, mit dem Ziel, den vulnerabelsten Menschen in Not zu helfen.“

In nächster Zeit sieht es aus, als ob den Obdachlosen ein harter Winter bevorstünde, da die Temperaturen sinken und die Coronapandemie keine Anzeichen einer Abschwächung zeigt. Am 6. Dezember warnten Ärztinnen und Ärzte, dass sich die schwere Gesundheits- und Sozialkrise des Landes entgegen den offiziellen Beteuerungen im November, dass die Pandemie stagnieren bzw. abklingen würde, nur noch verschlimmern werde. In der ersten Dezemberhälfte wurden täglich immer noch knapp 2.000 neue Fälle gemeldet; insgesamt sind es mehr als 150.000 Fälle und über 2.000 Todesfälle.

Auch wenn die Regierung einen kompletten Lockdown wie im März bislang noch nicht in Erwägung zieht, wurden alle Restaurants und Cafés geschlossen. Auch hat man damit begonnen, die Anzahl der Personen zu begrenzen, die öffentliche Verkehrsmittel benutzen dürfen.

Das kroatische Netzwerk für Obdachlose verteilt seinerseits nun zweimal wöchentlich – dienstags und freitags – Kleidung und Lebensmittel auf dem Zagreber Hauptbahnhof. Die auf den im März verteilten Flugblättern abgedruckten Informationen sind zwar keine Neuigkeit mehr, aber das Problem, auf das sie hinweisen – dass Obdachlose hinsichtlich einer Infektion mit dem Coronavirus zu den vulnerabelsten Bevölkerungsgruppen zählen –, besteht weiterhin.

„Immer mehr Menschen sind nervös, misstrauisch, verängstigt, mittellos, befinden sich in einer prekären Lage und haben keine Arbeit. Es werden immer mehr …“, meint Mrvalj seufzend.

Dieser Artikel wurde mittels eines Stipendiums von Reporting Democracy finanziert. Mit dieser Plattform werden Reportagen gefördert, die aufzeigen, wie die Covid-19-Krise Politik und Gesellschaft in Mittel-, Ost- und Südosteuropa verändert.

Original auf Englisch. Erstmals publiziert am 16. Dezember 2020 auf Reportingdemocracy.org, einer journalistischen Plattform des Balkan Investigative Reporting Network.
Aus dem Englischen von Barbara Maya.

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt: © Matea Grgurinovic / Reporting Democracy. Bei Interesse an Wiederveröffentlichung bitten wir um Kontaktaufnahme mit der Redaktion.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern, Grafiken und Videos sind direkt bei den Abbildungen vermerkt. Titelbild: ©  BIRN