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Standpunkte

Die Impfung – ein knappes Gut?

"Europa im Diskurs" mit Katharina T. Paul, Barbara Prainsack, Marcus Bachmann und Ursula Wiedermann-Schmidt

30. März 2021
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Sonntagvormittag diskutierten Expertinnen und ein Experte im leeren Burgtheater, aber mit virtuellem Publikum über das knappe Gut der Corona-Impfung.

Es war ein deutlicher Appell, mit dem Burgtheater-Direktor Martin Kušej die Diskussion im Rahmen der Reihe „Europa im Diskurs“ – eine Kooperation des Instituts für die Wissenschaften vom Menschen (IWM), der Erste-Stiftung, des Burgtheaters und des STANDARD – eröffnete: „Wir können und wollen uns nicht daran gewöhnen“, sagte er mit Blick auf die vor ihm leeren Publikumsreihen und in Richtung der Regierung.

Wenn Öffnungsschritte gesellschaftliches Leben an Abenden wieder ermöglichen, dann müssen auch Theater wieder geöffnet werden, forderte er. Denn eigentlich sei schon die jetzige Situation „unverdient und unnötig.“ Der Zuschauerraum sei ein „sicherer Ort“, versicherte Kušej mit Verweis auf die leistungsstarke Lüftungsanlage des Burgtheaters.

Vor leeren Publikumssesseln, aber per Livestream an die vereinzelten Zuhörer gesendet, diskutierten Expertinnen und ein Experte dann über ein Element, das künftig dazu beitragen wird, dass Theaterhäuser nicht bloß Aufbewahrungsstätten für Requisiten sind: die Corona-Impfung.

© Robert Newald / DER STANDARD
Europa im Diskurs im Burgtheater: Marcus Bachmann (per Stream dazugeschaltet), Ursula Wiedermann-Schmidt, Shalini Randeria (Moderation), Barbara Prainsack und Katharina T. Paul. Foto: © Robert Newald / DER STANDARD

Dabei wurde klar: Die Impfung wird nur ein Element von vielen sein können, das uns eine wie auch immer geartete Normalität zurückbringen wird. Und: Bleibt die Perspektive so nationalstaatlich eingeschränkt, wie sie derzeit ist, wird uns die Pandemie wohl noch länger begleiten, als sich manche derzeit erhoffen: Denn „niemand ist sicher, bevor wir alle sicher sind“, formulierte es Moderatorin und IWM-Rektorin Shalini Randeria in Anlehnung an internationale Organisationen, die seit Monaten vor dem Ausschluss des globalen Südens warnen.

Marcus Bachmann ist derzeit für Ärzte ohne Grenzen in Nigeria. Kürzlich sei die erste Impfstofflieferung angekommen, berichtete er: Diese reiche nicht einmal aus, um das Gesundheitspersonal zu impfen. Und 130 Länder hätten noch gar keine Dosis erhalten. Um der Knappheit entgegenzuwirken, müsse man das Patentsystem infrage stellen, sagt Bachmann: „Hier bleibt enorm viel Potenzial ungenutzt.“

Weltweite Durchimpfung

Gegen diese ungleiche Verteilung gibt es moralische Argumente, es gebe aber auch Gegenargumente aus Public-Health-Sicht, meint Vakzinologie-Professorin Ursula Wiedermann-Schmidt: „Letztendlich brauchen wir eine weltweite Durchimpfungsrate.“ Bestes Beispiel sei die Ausrottung der Pocken, die nur global gelungen sei.

Doch während die Perspektive auf eine Impfung für die Bevölkerung vieler Länder derzeit überhaupt noch gar nicht vorhanden ist, zweifeln Menschen hierzulande an der Notwendigkeit oder der Verträglichkeit der Impfstoffe. Doch diesbezüglich gibt es positive Nachrichten zu vermelden: Politikwissenschafterin Barbara Prainsack spricht von einem „sehr nuancierten Bild“, das sich in puncto Einstellungen zur Corona-Impfung zeige.

Derzeit steige die Bereitschaft, meint auch Politologin Katharina T. Paul: So seien nach einem Tief im Oktober (32 Prozent) im Jänner 47 Prozent zu einer Impfung bereit gewesen. Die Bereitschaft steige mit dem Gefühl der Informiertheit. Wiedermann-Schmidt ortet hingegen eine „Überinformationspolitik“, die oftmals „nicht verdaubar“ sei. Früher habe niemand nach Impfstoffherstellern gefragt.

Kein Allheilmittel

Wegweiser Richtung Normalität könne jedenfalls auch der grüne Pass als Übergangsinstrument sein, betonte Prainsack. Kollegin Paul verwies in diesem Zusammenhang auf die notwendige Zielsetzung: „Wer entscheidet, wann der Pass wieder überflüssig ist?“

Corona werde vermutlich nicht die letzte Pandemie sein. Was könne man also künftig besser machen? Auf Prävention setzen, meint Wiedermann-Schmidt. Einzelne Maßnahmen, auch die Impfung, könnten „nie Allheilmittel“ sein. Mit einer Gesamtstrategie könne es aber gelingen, wieder „leichter leben zu können“ – auch mit Kunst und Kultur.

Erstmals publiziert am 14. März 2021 auf derStandard.at.

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. © Vanessa Gaigg / DER STANDARD. Bei Interesse an Wiederveröffentlichung bitten wir um Kontaktaufnahme mit der Redaktion.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern, Grafiken und Videos sind direkt bei den Abbildungen vermerkt. Titelbild: Menschen sitzen in einer Impfstraße in Mexiko. Foto: © Ulises Ruiz / AFP / picturedesk.com


Europa im Diskurs

Die Impfung – ein knappes Gut?
Sonntag, 14. März 2021, 11 Uhr, Burgtheater Wien

„Niemand ist sicher, bevor wir alle sicher sind“, warnen internationale Organisationen vor dem allerorts aufgekommenen Impfnationalismus. Denn mit den nun verfügbaren Covid-Impfstoffen stellen sich neue drängende Fragen: Wer bestimmt, welche Länder und Bevölkerungsgruppen überhaupt Zugang zu einem Impfstoff erhalten? Brauchen wir eine globale Impfstrategie, um den Wettlauf gegen die Ausbreitung von Mutationen zu gewinnen? Welche Lehren können wir aus früheren Pandemien und der Geschichte von Impfungen ziehen?

Es diskutierten:

Katharina T. Paul
Senior Research Fellow, Institut für Politikwissenschaft, Universität Wien
Barbara Prainsack
Professorin für Vergleichende Politikfeldanalyse, Universität Wien und ordentliches Mitglied der Ethikkommission
Marcus Bachmann
Experte für Humanitäre Hilfe und Einsatzleiter, Ärzte ohne Grenzen
Ursula Wiedermann-Schmidt
Professorin für Vakzinologie, Leiterin des Instituts für Spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin, MedUni Wien
Moderation: Shalini Randeria
Rektorin des Instituts für die Wissenschaften vom Menschen (IWM)

„Europa im Diskurs“ ist eine Kooperation des Instituts für die Wissenschaften vom Menschen (IWM), der ERSTE Stiftung, des Burgtheaters und des STANDARD.