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Standpunkte

Die Macht der Mythenbildung

Nationalismus in Polen

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In seinem wegweisenden Essay „Die Tragödie Mitteleuropas“ schrieb Milan Kundera: Aufgrund seines politischen Systems zählt Mitteleuropa zum Osten, aufgrund seiner Kulturgeschichte zum Westen. Da Europa jedoch gerade seine eigene kulturelle Identität abhanden zu kommen scheint, betrachtet es Mitteleuropa rein als politisches Regime, oder anders gesagt: Mitteleuropa gilt ihm ausschließlich als Osteuropa.

[…] Mitteleuropa sollte sich daher nicht nur gegen seinen großen, dominanten Nachbarn auflehnen, sondern auch gegen den subtilen und doch unerbittlichen Zeitdruck, denn das Ende der Ära der Kultur naht. Das ist auch der Grund, warum Volkserhebungen in Mitteleuropa etwas Konservatives, beinahe Anachronistisches an sich haben: Das Volk versucht verzweifelt, die Vergangenheit wiederauferstehen zu lassen, die vergangene Kultur, die vergangene Moderne. Mitteleuropa vermag seine Identität nur in dieser vergangenen Zeit, nur in einer Welt, die ihre kulturelle Dimension beibehält, verteidigen zu können bzw. nur dann als das gesehen zu werden, was es ist.

Kunderas elitäre Vision von Kultur und ihrer Rolle im kommunistischen Mitteleuropa mag ihre Berechtigung haben, mit Bestimmtheit liegt jedoch weit mehr als ein Körnchen Wahrheit in seiner Beobachtung, dass eine Reise nach Mitteleuropa aus westeuropäischer Sicht eher eine Aufgabe für die Kulturpaläontologie sei. Die Pflicht zur Hochhaltung der eigenen Geschichte ist die Essenz des Bandes, das die Nation zusammenhält. Die Nation mag „eine vorgestellte politische Gemeinschaft“ (Benedict Anderson) sein, sie ist jedoch realer als jede andere staatliche Institution und jedes andere Unterscheidungsmerkmal (wie z. B. Klasse, Ethnie, Geschlecht). Sie ist realer, weil sie mit einer Menge Sinnstiftung versehen wurde. Und es ist fast ausschließlich diese vorgestellte Vergangenheit der Nation, die zu jenem Zeitpunkt möglicherweise noch gar nicht geboren war, die zur Mythenbildung herangezogen wird.

Der Verrat. Der ungleiche Kampf. Der Tapfere. Der Tolerante. Die Verteidiger des Glaubens. All diese Narrative entstanden durch ein überraschend anachronistisches Bildungssystem, das nicht nur der Form nach, sondern auch in seiner Formung junger Menschen an die Schule des 19. Jahrhunderts erinnert. Die Musik ist komponiert, aber wer kann die Melodie spielen? Ausländische Beobachterinnen und Beobachter sind immer wieder über das Ausmaß des Nationalismus in Polen überrascht, auch in der scheinbar liberalen und kosmopolitischen Mittelschicht. Sogar die Jungen, die dritte Generation nach dem Krieg, können nächtelang über 1939 diskutieren und wie sich das Land zwischen Nazideutschland und der kommunistischen Sowjetunion verhalten hätte sollen.

Marcin Napiórkowski zeigt in seinem Buch „Turbopatriotyzm“, wie die Vergangenheit zur Rechtfertigung der Gegenwart herangezogen wird. Der ausweglose Untergrundkrieg der sogenannten „Verstoßenen Soldaten“ (żołnierze wyklęci) gegen die kommunistische Besetzung nach 1944/45 rechtfertigt den Kampf der Regierung gegen die „postkommunistischen Gerichte“. Nicht der Rede wert, dass nur 10 % der aktiven Richterinnen und Richter ihre Berufslaufbahn vor 1989 begannen, und keine oder keiner von ihnen am Obersten Gericht ‒ es geht um den Mythos, der zur Rechtfertigung von Handlungen im Hier und Jetzt heraufbeschworen wird.

Die kommunistische Propaganda diskreditierte nachhaltig jede Art von Soziolekt, und zwar so sehr, dass es der Linken nach 1989 einfach nicht gelang, die Aufmerksamkeit in nennenswertem Ausmaß auf sich zu ziehen. Pragmatischer Postkommunismus herrschte vor, bis auch die Unterstützung dafür 2005 zusammenbrach. Die enge neoliberale Vorstellung, wonach die Politik besser die Finger von der Wirtschaft lassen sollte ‒ eine Vorstellung, die von beinahe der gesamten politischen Elite und allen Medien geteilt wurde, zumindest bis zur Krise von 2007/08 ‒ verhinderte erfolgreich einen Aufstand gegen den Kapitalismus.

Gleichzeitig befasste man sich im Zuge des politischen Systemwechsels hauptsächlich mit den Rahmenbedingungen (Recht, Wirtschaft, Regeln) und nicht mit dem eigentlichen Gegenstand des Systemwechsels (die Nation selbst sowie ihre Selbstwahrnehmung) und dessen inneren Beweggründen. Die technokratische Sprache der 1990er- und frühen 2000er-Jahre schien auch für die Analyse von kulturellen Minderwertigkeitskomplexen besonders unpassend. Die Gesamtheit des polnischen Nationalkanons scheint auf gewisse Weise die Opferrolle zu kompensieren, zu erhöhen und sogar zu verherrlichen – in einem Ausmaß, in dem nur noch nationale Tragödien heraufbeschworen werden können, um die Nation für eine gemeinsame Sache zu einen und zu mobilisieren. Die Trauer.

Der Spiegel, den sich die Nation selbst vorhält, scheint zerbrochen zu sein. Zumindest aus der Sicht der „Moderne“ erwies sich der Begriff „Politik der Geschichte“ (polityka historyczna) – also wie sich der Staat und seine Vertreterinnen und Vertreter Geschichte annähern, welche Art von Aktivitäten, Initiativen, Museen usw. sie unterstützen – als Fluch. Der Mainstream überließ die Mythenbildung der Rechten. Und diese wusste ihre Zeit zu nutzen. Heute enthält fast jede maßgebliche Zeitschrift oder Zeitung Beilagen zum Thema Geschichte, und Bücher über die „Frauen des Widerstandes“ oder die „Geburt des polnischen Staates“ füllen die Regale der Buchhandlungen.

Eine individualistische Betrachtungsweise des Systemwechsels verlangte nach Geschichten der Emanzipation: über das Judentum und die unsäglichen Judenpogrome während der deutschen Besatzung und nach der Befreiung durch die Rote Armee. Geschichten von Intellektuellen, die sich nach dem „Hegelschen Biss“ (wie Czeslaw Milosz es nannte, wenn er jene meinte, die an den Kommunismus glaubten) neu orientierten und fortan die Opposition aktiv unterstützten. Das waren aber keine Geschichten, die die breite Öffentlichkeit mit ihrer eigenen Vergangenheit in Verbindung brachten – und Identifikation damit zuließen. Ganz im Gegenteil. Die Vergangenheit sollte entzaubert werden.

Dass die Nation aus einer Gruppe besteht, deren Verbindung in den gemeinsamen Illusionen (manche würden auch Lügen dazu sagen) über ihre gemeinsame Geschichte liegt, führte zu der unmöglichen Aufgabe, mit diesen Illusionen ein für alle Mal aufzuräumen. Wenn jedoch einzig diese Geschichte die Menschen verbindet, dann kann man an dieser Aufgabe nur scheitern. Wohlmeinende prowestliche Kräfte wollten der Seele der jungen polnischen Demokratie den potenziell bedenklichen nationalen Geist austreiben. Als das lineare Ziel des Systemwechsels – das Land im Westen und in dessen Institutionen zu verankern – erreicht war, wurde jedoch ersichtlich, wie sehr man mit diesem Ansinnen gescheitert war.

Wenn die Gegenwart mittels der vermeintliche Übereinstimmung mit der imaginierten Vergangenheit validiert wird, dann gewinnt der stärkere Mythos. Seit seinem Anbeginn dominierte der rechte Flügel das Internet (traditionelle Medien sind Mangelware), was sich als die lohnendste politische Investition der letzten 30 Jahre erwies. Sobald man die Verbreitungsmacht der sozialen Medien gezielt zu nutzen wusste, erreichte man auch mit Nischenpublikationen ein enormes Publikum. Verschwörungstheorien, persönliche Angriffe, Aufdeckung falscher (kommunistischer) Ahnen, „wahre“ Geschichten rund um den Geheimdienst und den ehemaligen Präsidenten, die in Wirklichkeit aus bekannten Thrillern stammten (wahre Geschichte). Wenn es hart auf hart geht, dann ist jedes Mittel recht, um den Feind zu schlagen.

Den Mythos der „Verstoßenen Soldaten“ zu bemühen, eignet sich daher perfekt zur Diskreditierung der Realität, in der der Wettstreit um Macht als „Weg zur Leibeigenschaft“ dargestellt wird, eine Art postkommunistische Matrix, wo geheime Verbindungen alles erklären: von Anhäufungen von Vermögen in den Jahren 1989/90 bis zum Zusammenbruch der sozialistischen Planwirtschaften und seinen monströsen Fabrikanlagen. Am wichtigsten bei alledem ist jedoch, dass sie jenen als psychologische Entlastung dienen, die damit ihre wahren oder eingebildeten Misserfolge der Vetternwirtschaft oder der Skrupellosigkeit ihrer Mitbürgerinnen und Mitbürger zuschreiben können. Der Liberalismus mit individueller Erfolgsgeschichte, in der persönliche Handlungen sowohl positive als auch negative Auswirkungen haben, ist einfach kein probates Heilmittel mit vergleichbarer Wirkung.

Erstmals publiziert am 24. Mai 2019 auf europesfutures.eu.

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