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Keine Kohle

Rumäniens Bergbaustädte verspielen ihre Zukunft.

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Seit die Kohlenbergwerke im rumänischen Schiltal geschlossen wurden, suchen viele ehemalige Grubenarbeiter und ihre Familien ihr Glück in den Spielhallen, die in der Gegend immer mehr werden.

In den im Schiltal im Südwesten Rumäniens gelegenen Bergbaustädten tragen die meisten Menschen Schwarz. Vor ein paar Jahrzehnten, als man hier nach Kohle grub und mit ihrer Verbrennung die sozialistische Industrie am Laufen hielt, kaschierte die dunkle Kluft den Ruß. Jetzt, da die meisten Minen geschlossen sind und die Luft sauberer ist, erinnert die farblose Garderobe der Menschen nur an vergangene Zeiten und ist Teil der düsteren Umgebung. Doch nicht alles ist schwarz. Die bunten Farben und grellen Lichter der Spielhallen, die im gesamten Tal betrieben werden, kontrastieren stark mit den grauen Bauten aus dem Kommunismus, in denen sie sich befinden, und den verlassenen Industriegebäuden der Umgebung. Sie scheinen eine bessere Zukunft zu versprechen. Ebenso wie in den meisten einkommensschwachen Gegenden Rumäniens, die in wirtschaftliche und soziale Turbulenzen geraten sind, hat sich hier in den letzten Jahrzehnten eine Glücksspielindustrie entwickelt. Nach Ansicht eines ehemaligen Bergarbeiters würden die Spielautomaten im Schiltal – wo man den Zeiten des Kohlebergbaus noch immer nachtrauert – bereits seit den frühen 1990er-Jahren „zum Leben“ gehören.

Andrei, der Sohn eines ehemaligen Grubenarbeiters, ist einer von jenen, die den Verlockungen der Spielautomaten erlegen sind. „Ich werde nicht mehr spielen, zur Hölle mit den Automaten!“, sagt er sich. Aber Andrei (dessen Name auf Wunsch geändert wurde) kennt sich selbst gut genug, um zu wissen, dass es so nicht funktioniert. Nach einer Weile – vielleicht einem Monat, vielleicht sechs – wird ihn der Rausch wieder überkommen und er wird wieder anfangen zu spielen. Er wird sich im Lärm und den Lichtern verlieren und niemanden um sich herum wahrnehmen. Knapp zwei Monate zuvor hatte Andrei in der Bar, in der wir uns trafen, in einer Stunde 8.000 Lei (1.650 Euro) – etwa zwei Monatslöhne – verzockt. Er spiele nur, wenn er angelogen wird, sagt er; das mache ihn wütend und er könne seine Emotionen nicht mehr kontrollieren. An jenem Tag hatte ihn ein Arbeitskollege angelogen. Er traf ihn später in der Bar und wurde zornig. Andrei stand vom Tisch auf und begann, an den Automaten zu spielen. „Ich mag es nicht, wenn man mich anlügt.“ Andrei ist 31 Jahre alt und lebt in Petrila, einer Kleinstadt im Schiltal. Er kam zum ersten Mal im Alter von 12 Jahren in einer Lottoannahmestelle in der Nähe seiner Schule mit Spielautomaten in Berührung. Dort traf er sich mit seinen Schulkollegen nach dem Unterricht. Die Dame am Schalter verbot ihnen nie zu spielen. „Und Sie wissen ja, wie das ist, am Anfang hat man Glück.“ Andrei erinnert sich, dass er bei seinem ersten Spiel 30 Lei (6 Euro) gewonnen hat.

Illustration: © Mircea Drăgoi

Mit 16 bekam er einen Job als Monteur von Eingangstüren. Am Ende eines jeden Arbeitstages hatte er etwa 100 Lei (20 Euro) zur Verfügung. Er machte sich nicht einmal die Mühe, nach Hause zu gehen, um sich umzuziehen, sondern ging direkt zu den Automaten und warf etwa 80 % seines Geldes ein; mit dem Rest kaufte er sich zwei Bier und eine Schachtel Zigaretten. Die ersten ein, zwei Tage gewann Andrei meistens und verdoppelte oder verdreifachte sein Geld. Aber am dritten Tag verlor er alles in einer halben Stunde – und das war’s dann.

Was treibt Menschen wie Andrei dazu, immer wieder an den Automaten zu spielen, und was tun sie, wenn sie alles verloren haben? Welche Mittel, wenn überhaupt, stehen der Gemeinde zur Verfügung, um ihnen zu helfen, wieder auf die Beine zu kommen? Und angesichts der Pandemie, die auch die wenigen noch existierenden Arbeitsplätze im Tal lahmlegt, stellt sich eine neue Frage: Was geschieht mit diesen Menschen, deren Leben sich um das Glücksspiel und die Spielautomaten dreht?

Vom Helden zum Verlierer

Während des Kommunismus galten Bergleute als Helden, die die Industrieöfen am Brennen hielten. Statuen, Mosaike und Flachreliefs stellten sie mit kräftigen Armen und entschlossenem Blick dar, als mythische Geschöpfe, die Berge versetzen konnten. Vom Staat wurden sie für die harte Arbeit unter Tage gut bezahlt und hatten ebenso Anspruch auf Urlaub wie auf Kuraufenthalte. Aus ganz Rumänien kamen Menschen, um sich den Reihen der Werktätigen im Schiltal anzuschließen und das Land mit Kohle zu versorgen. Der Kapitalismus verschaffte ihnen eine andere Art von Belohnung. In den ersten Monaten nach dem Systemwechsel schossen im Schiltal zahlreiche Kneipen aus dem Boden. Ion Barbu, ein lokaler Künstler, machte eine Bestandsaufnahme der Lokale, die plötzlich die durch das Zentrum von Petrila führende Hauptstraße säumten. Er kam auf 42. „Damals gaben wir uns noch der Illusion hin, wir seien reich“, meinte Ina Berar, die aus Petrila stammt und als Psychologin in Petrosani arbeitet.

Illustration: © Mircea Drăgoi

Das Schiltal bot sich für den jungen Geschäftsmann Sorin Constantinescu als perfekter Ort an, um die vier Spielautomaten zu testen, die er aus Jugoslawien mitgebracht hatte, wo er als Tagelöhner auf dem Bau gearbeitet hatte. Damals gab es in Rumänien noch kein Gesetz, das das Glückspiel regelte, sodass die Betreiber der Automaten weder Lizenz- noch Konzessionszahlungen leisten mussten. Es gab nur den Geschäftsmann, seine Spielautomaten und das große Verlangen der Menschen nach allem, was glänzte und neu war.

Constantinescu machte sich im Schiltal auf die Suche nach einem geeigneten Standort und es dauerte nicht lange, bis er eine Bar fand, die bereit war, seine Automaten aufzustellen. „Es gab keine Computer, also riss der Barbesitzer ein Blatt Papier aus einem Schulheft. Wir setzten den Vertrag auf, tranken ein Bier und unterhielten uns. Die Bar war voll mit Bergleuten. Während der drei Stunden, die ich dort war, waren die Kosten für meine vier Automaten gedeckt und sie brachten mir sogar Gewinn ein.“ Die Spielautomaten wurden rasch fixer Bestandteil des Freizeitlebens im Tal. Und mit dem Geld, das er im Schiltal verdiente, erwarb Sorin Constantinescu immer mehr Spielautomaten und weitete sein Geschäft auf das ganze Land aus. Er machte eine Menge Geld, betrieb Kasinos und wurde zu einem der berühmtesten Glücksspielanbieter.

Dem Schiltal war hingegen kein solches Glück beschieden. Zunächst waren da die „Mineriaden“ – Vergeltungsmaßnahmen der Regierung gegen Proteste der Opposition in Bukarest Anfang der 1990er-Jahre, im Zuge derer Arbeiter aus dem Schiltal als bewaffnete Miliz eingesetzt wurden. Die Bilder von Kumpeln, die in Uniformen und Helmen mit Sonderzügen nach Bukarest kamen und Leute verprügelten, ersetzten schnell die idealisierten Darstellungen von Grubenarbeitern aus dem Kommunismus. In den darauffolgenden Jahren wurden die Bergleute von den neuen politischen Machthabern mit hohen Löhnen bedacht und vor den schlimmsten Auswirkungen des wirtschaftlichen Zusammenbruchs bewahrt, auch wenn die Kohleförderung im Vergleich zur Zeit des Kommunismus um knapp 50 % zurückgegangen war.

Doch 1997, als sich die neue Regierung eher zu Umstrukturierungen und Entlassungen bereit zeigte, erlitt das Schiltal einen schweren wirtschaftlichen Schlag: Von insgesamt 45.000 Bergleuten verloren zwischen 1997 und 1999 knapp 20.000 ihren Arbeitsplatz. Um eine soziale Katastrophe zu vermeiden, bot man den Bergleuten je nach Dienstalter zwischen 12 und 20 Monatslöhne als Abfindung an, woraufhin viele freiwillig den Hut nahmen. Die Entschädigungszahlungen erschienen wie „Gratisgeld“, und viele wussten mit den hohen Summen nichts anzufangen, erinnert sich der Bürgermeister von Vulcan, Gheorghe Ile. Ein Teil des Geldes floss unweigerlich in die Spielautomaten, so die Psychologin Ina Berar: „So manche Abfindung ging flöten.“

Illustration: © Mircea Drăgoi

Dann schloss ein Bergwerk nach dem anderen. Von den 14 Zechen, die 1990 im Schiltal Kohle förderten, sind heute nur noch vier in Betrieb, aber auch diese stehen vor dem Aus. Wie aus einem vor einigen Monaten zur öffentlichen Diskussion gestellten Entwurf eines Regierungsbeschlusses hervorgeht, soll das Bergwerk Lonea, das sich in Petrila befindet, bis Ende 2020 geschlossen werden. Die Zeche in Lupeni – ebenfalls im Schiltal gelegen – wird bis Mitte 2021 geschlossen. Der traditionelle Bergmannsgruß „Glückauf“, der früher am Eingang zu fast jedem Bergwerk prangte, passt nun ebenso gut über die Eingänge der neuen Spielhallen.

Wehmut statt Neubeginn

Im Schiltal blickt man auf die Zeiten des Kohlebergbaus noch immer wehmütig zurück; das ist verständlich, wenn man bedenkt, dass die Einheimischen die letzten 200 Jahre vom Bergbau gelebt haben, ohne über Alternativen nachzudenken. In den größten Städten der Region – Petrosani, Vulcan, Lupeni, Petrila, Uricani und Aninoasa – leben heute rund 130.000 Menschen. Seit 1992 – als die Bergbauindustrie noch eine bedeutende Rolle spielte – haben diese Orte etwa 20 % ihrer Bevölkerung verloren. Viele ehemalige Bergleute und ihre Familien zogen weg, um in anderen Regionen Rumäniens oder anderswo in Europa zu leben und zu arbeiten. Die Hoffnungen vieler der Zurückgebliebenen sind so düster geworden wie das Grau der postindustriellen Landschaft.

In den kommenden Jahren sollen das Schiltal und die Kleine Walachei nicht rückzahlbare EU-Fördermittel in Höhe von 757 Millionen Euro erhalten, um die regionale Konjunkturbelebung nach den letzten Grubenschließungen zu unterstützen. Diese Mittel sind jedoch an die Existenz von Entwicklungsprojekten in der Region geknüpft, und die Erfahrung der vergangenen 30 Jahre hat gezeigt, dass solche Projekte nur schwer zu entwickeln und umzusetzen sind.

Alex Kelemen ist Programmkoordinator bei Caritas Petroșani, einer NGO, die auch junge Menschen im Schiltal in Ausbildungsfragen unterstützt und berät. Kelemen schätzt, dass es etwa zwei Generationen dauern wird, bis die Menschen die Vergangenheit hinter sich gelassen haben und beginnen, ihre Zukunft in andere Richtungen zu lenken. Die Städte im Schiltal reihen sich entlang der von Wasser geformten Senke zwischen vier Gebirgsmassiven auf, deren imposante Konturen die Kulisse für die verfallenen Türme und Minenanlagen oder deren Überreste bilden. Der Tourismus wird von den hiesigen Bürgermeistern immer wieder als Chance für die Region ins Treffen geführt, sie tun dies aber ohne große Überzeugung.

Illustration: © Mircea Drăgoi

Am Stadtrand von Petrila sind von der Kohlenzeche, die 2015 nach 156 Betriebsjahren stillgelegt wurde, nur noch verfallene Gebäude und alte Anlagen übrig. Eine Gruppe um den Künstler Ion Barbu hat versucht, das industrielle Erbe der Mine mithilfe von Kulturprojekten zu bewahren, doch die erdrückende Bürokratie, mangelndes Interesse und Vorfälle von Diebstahl haben ihre Aktionen zunichtegemacht. „Ich habe über das Schicksal von Petrila nachgedacht“, erzählte Barbu gegenüber BIRN. „Hier passiert nichts und jeder Tag ist wie der andere. Es gibt weder ein Kino noch ein Theater. Das Stadion wurde in einen Park umgestaltet, der mittlerweile von Unkraut überwuchert ist. Im Grunde genommen gibt es überhaupt kein Freizeitangebot. Was sollen wir also tun?“

Sämtliches Leben in Petrila scheint sich auf der Hauptstraße abzuspielen. Es gibt zwei Reihen von Backsteinhäusern mit ebenerdigen Second-Hand-Geschäften, Apotheken, Konditoreien, vielen Bars und natürlich Spielhallen. An eine Häuserwand hat jemand geschrieben: „Geld regiert die Welt und nährt kleine Träume“. Laut Statistik arbeitet etwa ein Drittel der 24.000 Einwohnerinnen und Einwohner im Ausland. Viele sind bereits in jungen Jahren in den Ruhestand gegangen, wenn sie die Möglichkeit dazu hatten, und verfügen über eine gute Pension, haben viel Zeit und wenig zu tun. Wie in vielen dieser Orte ziehen die jungen Leute spätestens nach Abschluss der Schule fort.

Ich sprach mit Darius Negoi, einem 18-jährigen Schüler aus Petrila, ein paar Tage, bevor er seine Abschlussprüfungen bestand. Er hatte vor, in Timisoara Psychologie zu studieren. „Es ist besser, irgendwo hinzugehen, wo ich mir eine Zukunft aufbauen kann, als hier für einen Mindestlohn zu arbeiten“, sagte er. Ein paar Zechen gibt es noch, aber auch sie werden bald der Vergangenheit angehören. „Das wird, glaube ich, das Ende des Schiltals sein“, meinte er seufzend. Für die Glücksspielindustrie sei eine arme Gemeinde wie diese ein Geschenk des Himmels, so Kelemen. „Ich glaube nicht, dass Firmen damit kalkulieren, wie arm oder reich eine Gemeinde ist, sondern wie sehr die Leute bereit sind, in der Hoffnung auf einen schnellen Gewinn etwas Geld auszugeben. Deshalb schaffen sie dort Räume des Zusammenkommens, wo die Menschen keine Zukunftschancen haben.“

Spielautomaten auf dem Vormarsch

Im Jahr 2019 gab es in Rumänien 77.913 Spielautomaten. Ihre Zahl hat sich seit 2004, als es 16.021 waren, stetig erhöht. Die Instanz, die für die Legitimierung, Kontrolle und Aufsicht der gesamten Branche verantwortlich ist, ist die Nationale Glücksspielbehörde (ONJN), auch Rombet genannt, die der Regierung untersteht. Im Landkreis Hunedoara, zu dem das Schiltal gehört, stehen 1.726 Spielautomaten. Daten der Gemeinde von Petrila zeigen, dass es allein hier inzwischen 27 Lokale mit Spielautomaten gibt – Bars oder explizite Spielsalons. Bei durchschnittlich fünf Automaten pro Räumlichkeit (basierend auf landesweit verfügbaren Daten) kommt in Petrila ein Automat auf schätzungsweise 177 Einwohnerinnen und Einwohner (unabhängig vom Alter). Zum Vergleich: Auf nationaler Ebene sind es 248 Einwohnerinnen und Einwohner pro Spielautomat.

Wie aus einer von BIRN 2016 veröffentlichten Recherche hervorgeht, überlässt es der rumänische Staat der Branche, sich des Problems der Spielsucht anzunehmen. Ein Gesetz aus dem Jahr 2015 zwingt Glücksspielunternehmen dazu, eine „Stiftung von öffentlichem Interesse“ zu unterstützen, „deren Hauptziel die Einhaltung sozialverträglicher Maßnahmen ist“.

Ein Verein namens „Joc Responsabil“ („Verein für verantwortungsvolles Glücksspiel“), der in dieser Form seit 2018 tätig ist, wird von den drei großen Branchenverbänden unterstützt und bietet unter anderem einen Selbsttest-Service für Spieler, eine kostenlose Helpline, einen rund um die Uhr verfügbaren Chat-Service, die Möglichkeit, an fünf kostenlosen Therapiesitzungen in einem der Zentren in Bukarest, Iași oder Cluj teilzunehmen, oder die Möglichkeit, sich selbst von Spielstätten auszuschließen, indem man sich von den Betreibern sperren lässt. Es ist nicht bekannt, wie viele Menschen diese Option genutzt haben, da die Unternehmen nicht verpflichtet sind, Zahlen zu veröffentlichen. Bislang wurde weder ein Bericht über die Anzahl der Spieler, die diese Dienste in Anspruch nehmen, noch eine Studie mit den gesammelten Daten veröffentlicht.

Illustration: © Mircea Drăgoi

Der rumänische Staat tut wenig für Süchtige. Die Kosten für die Behandlung verschiedener Suchtkrankheiten können übernommen werden. Es werden jedoch pro Tag nur drei Sitzungen bei einer Psychologin oder einem Psychologen in einer Klinik angeboten, die einen Vertrag mit der staatlichen Krankenversicherung hat, was die Anzahl der Personen, die kostenlos behandelt werden können, begrenzt. Das Nationale Zentrum für psychische Gesundheit und Drogenbekämpfung, das zum Gesundheitsministerium gehört, bietet derzeit kein Programm oder Projekt an, das sich mit Glücksspielsucht befasst.

Nicht nur, dass es von staatlicher Seite keine systematische Hilfe für Spielsüchtige gibt, diese werden sogar bestraft. Mehrere Gemeinden im Schiltal haben im Jahr 2019 damit begonnen, Sozialleistungen für Menschen zu kürzen, die beim Ansuchen um Unterstützung nicht erwähnen, dass sie im vergangenen Jahr ein Einkommen aus dem Glücksspiel erzielt haben. Unter „Einkommen“ versteht die lokale Steuerbehörde jeden kleinen Beitrag, der von der Spielstätte als Gewinn registriert wird: Wenn jemand zum Beispiel 10 Euro gewinnt, wird er als Gewinner registriert, auch wenn er Stunden später 50 Euro verliert. Allein in der Stadt Vulcan wurden 26 Familien für die Jahre 2017 und 2018 die Sozialleistungen gestrichen, weil sie Einkünfte aus dem Glücksspiel lukriert und diese nicht deklariert hatten. In der Gemeinde Petrosani entdeckte man weitere 27 unrechtmäßige Leistungsempfänger.

Wenn Angehörige bemerken, dass ein Familienmitglied ein Problem mit dem Glücksspiel hat, können sie sich an niemanden wenden. Es gebe im Schiltal keine entsprechenden Angebote, nicht einmal eine Selbsthilfegruppe für Suchtkranke jeder Art, beklagt Alex Kelemen von der Caritas Petrosani. In Ermangelung anderer Hilfen suchen Familien ihr Heil in der orthodoxen Kirche, um von der „Spielleidenschaft“ loszukommen. Drei Geistliche aus dem Schiltal berichteten BIRN, dass sich die Zahl der Frauen, die sich mit Gebetslisten an sie wenden würden, damit ihre Ehemänner oder Söhne das Glücksspiel aufgeben, vervielfacht habe. Iulian Selaje, ein Pfarrer aus Petrosani, erzählte, er versuche, mit den Betroffenen zu reden und glaubt, dass sie „ein sehr ernstes Gebetsprogramm“ benötigen. Im Schiltal gibt es 40 orthodoxe Kirchen, aber keine einzige Suchtklinik.

Blick in die Zukunft

Ich traf Andrei, den 31-Jährigen aus Petrila, im Sommer im Gastgarten jenes Lokals, in dem wir uns zum ersten Mal unterhalten hatten. Wir saßen im Grünen unter großen Sonnenschirmen zwischen Bierkisten, aus dem Radio tönte leise Musik: Hier draußen schien alles eitel Wonne. Der Barbereich im Inneren ist aufgrund der Pandemie geschlossen, aber die Spielautomaten stehen weiterhin bereit. Man kann also drinnen sitzen und spielen, dort aber kein Bier trinken – das ist die neue Realität der Spielautomatenlokale.

Da die Zahl der Covid-19-Fälle in den vergangenen Monaten anstieg, hat Rumänien je nach Inzidenz in bestimmten Gegenden Beschränkungen eingeführt. So wurden zum Beispiel bei mehr als 1,5 Fällen pro 1.000 Einwohnerinnen und Einwohner die Innenräume von Restaurants, Cafés und Spielhallen geschlossen. Am 13. Oktober, als dieser Schwellenwert in Petrila und weiteren 36 Ortschaften in der Region erreicht wurde, kam es zu einer vorübergehenden Schließung der Spielautomatenlokale. Stattdessen stieg in ganz Rumänien die Zahl der Online-Spieler. In den ersten Monaten der Pandemie verzeichneten die Glücksspielplattformen 15 bis 20 Prozent mehr Nutzer, so Sorin Constantinescu, CEO einer einschlägigen Beratungsfirma.

Auch Andrei hat ein Online-Konto bei einer Glücksspiel-Webseite und erhielt in den letzten Monaten wiederholt Werbung per E-Mail. Er ließ sich von den vielen Aktionen, die ihm angeboten wurden, aber nicht verleiten, sein Geld dafür auszugeben. Andrei hat nicht mehr gespielt, seit die Spielautomatenlokale wieder offen sind, aber er weiß, dass ihn irgendwann in Zukunft wieder jemand wütend machen wird und er wieder zu spielen beginnen wird. Umgeben von lärmenden und blinkenden Automaten wird er die Welt um sich herum ausblenden.

Dieser Artikel wurde mit Unterstützung eines von der Robert Bosch Stiftung geförderten Stipendiums von Reporters in the Field ermöglicht.

Original auf Englisch. Erstmals publiziert am 27. Oktober 2020 auf Reportingdemocracy.org, einer journalistischen Plattform des Balkan Investigative Reporting Network.
Aus dem Englischen von Barbara Maya.

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt: © Vlad Odobescu, Federico Thoman und Anna Bigano / Reporting Democracy. Bei Interesse an Wiederveröffentlichung bitten wir um Kontaktaufnahme mit der Redaktion.
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