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Interview

Mit Kunst kämpfen

"Der Pole Daniel Rycharski protestiert mit den Mitteln der Kunst, ohne je die Dialogfähigkeit zu verlieren."

29. Dezember 2020
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Mit seiner Arbeit bezieht Daniel Rycharski Stellung gegen Homophobie und die Macht der katholischen Kirche in Polen.

Daniel Rycharski macht es sich nicht leicht. Er und sein Werk biedern sich nicht an; er ist keiner, der im Rampenlicht gefällig lächelt. Der Pole, 34 Jahre alt, intensive dunkle Augen und abgespanntes Gesicht, steckt all seine Energie in sein Aufbegehren gegen die Homophobie, gegen die katholische Kirche und gegen die Aushöhlung der Demokratie in seinem Land. Seine Kunst ist nicht dazu da, die Wand eines Appartements zu schmücken. Ganz im Sinne Picassos ist seine Kunst Kampf, Waffe zu Angriff und Verteidigung. Rycharski sagt entschieden: „Polen steckt in einer tiefen Krise. Wir müssen einen Wandel anstoßen.“

Damit spricht er ein politisches Sendungsbewusstsein von Kunst an, das es in Österreich in dieser Art nicht gibt. Kuratorin Katarzyna Uszynska-Matt, künstlerische Leiterin des Kahán Art Space Wien: „Wir wollten hier aussagekräftige politische Kunst ausstellen, und dafür ist es nötig, über die Grenzen zu schauen.“ Sie wurde in Polen fündig, wo eine restriktive politische Situation zu mehr Aktionismus und vielleicht auch Originalität anregt. „Wie Daniel Rycharski politischen und friedlichen Aktionismus mit seiner persönlichen künstlerischen Haltung verbindet, ist für mich einzigartig.“

Unter denkbar schwierigen Bedingungen, möchte man hinzufügen. Denn seit die PiS – die „Partei für Recht und Gerechtigkeit“ – an der Macht ist, scheinen gerade diese Normen für Rycharski ausgesetzt. Er erhält Morddrohungen, in den Sozialen Medien wird gegen ihn gehetzt, Ausstellungen werden abgesagt, auch seine Professur an der Pädagogischen Universität Krakau ist in Gefahr. „Meine Kunst entsteht nun einmal an der Schnittstelle der drei Hauptthemen meiner Identität. Das sind die LGBT-Thematik, mein Glaube und meine bäuerliche Herkunft.“ Und damit trifft er die Polen genau ins Herz.

Rycharski ist daher in seiner Heimat sehr bekannt. „Seine Ausstellung letztes Jahr im Museum für moderne Kunst in Warschau – dem wichtigsten zeitgenössischen Museum in Polen – war trotz politischer Anfeindungen ein großer Erfolg“, bekräftigt Uszynska-Matt. Der Künstler steht damit beispielhaft für die ideologische Teilung Polens; an Menschen wie ihm lässt sich der allmähliche politische Umbau des Landes und die Aushöhlung der Demokratie am besten beschreiben.

Daniel Rycharski ist auf dem Land aufgewachsen, in Kurówko, einem Dorf in Zentralpolen. Er studierte in Krakau Kunst, kehrte danach aber in seine Gemeinde zurück. „Ich hatte das Gefühl, wenn ich in der Großstadt bleibe, ist es ein bisschen so, als würde ich mit einem Baum in den Wald gehen. Es gibt dort so viele Künstler, und im Grunde ist schon alles gesagt worden.“ Und noch etwas störte ihn: „Polnische Kunstinstitutionen beschäftigen sich nicht mehr mit dem Dorf. Sie sind alle in den großen Städten, sie machen Ausstellungen für die Elite.“

Sein Konzept war ein revolutionäreres: Als homosexueller Künstler zurück auf das Land zu gehen und seine Arbeit von den „Problemen, Ängsten, Träumen“ der dortigen Bevölkerung inspirieren zu lassen. Seine offene Unterstützung der LGBT-Kultur ist dort nicht nur eine künstlerische Position, sondern auch eine stark politische.

Über den vergangenen Präsidentschaftswahlkampf sagt Rycharski: „Wer homophob ist und gegen die Rechte der LGBT, der wählte Duda. Wer liberal ist, Trzaskowski.“ Der Warschauer Bürgermeister und Herausforderer Rafał Trzaskowski hatte im Februar 2019 die sogenannte „LGBT-Charta“ unterschrieben, in der er den betroffenen Menschen mehr Rechte zugestand. Im Gegenzug entwarf Präsident Andrzej Duda 2020 die „Familien-Charta“, die die Rechte von LGBT-Personen, die Möglichkeit von Schwangerschaftsabbrüchen und die sexuelle Erziehung von Kindern einschränken will. Er meint: „Man versucht euch einzureden, dass das Menschen sind. Das ist aber eine Ideologie.“

So gewinnt man in Polen Stimmen. Denn bereits als Reaktion auf die „LGBT-Charta“ entstanden in fünf von insgesamt 16 Woiwodschaften (Regierungsbezirken) sogenannte „LGBT-freie Zonen“. Diese besitzen zwar keinerlei normative Wirkung, aber einen desto höheren symbolischen Gehalt: Sie kennzeichnen den Riss, der durch das Land geht. Geografisch hat ihn der Aktivist Jakub Gawron in seinem „Atlas des Hasses“ sichtbar gemacht. Dieser ist eine Blaupause für die jüngsten Resultate der Präsidentschaftswahl: Denn in all diesen Zonen hat Duda gewonnen, insgesamt erhielt er 51,03 Prozent der Stimmen.

Rycharski wundert sich: „Obwohl für Duda der gesamte Staatsapparat, das öffentlich-rechtliche Fernsehen, die polnische Post, die Regierung durch das Land ritt, ist sein Vorsprung immer noch minimal.“ Er selbst unterstützte Trzaskowski. Dessen Partei brachte wegen Unregelmäßigkeiten bei der Abstimmung und voreingenommener Berichterstattung Beschwerde gegen das Wahlergebnis beim obersten Gerichtshof ein. Am 3. August bestätigte dieser allerdings die Gültigkeit der Präsidentenwahl.

Polen erhält seit der Machtübernahme der PiS immer wieder Verwarnungen von der Europäischen Kommission. Erst Ende Juli gab diese bekannt, dass sechs polnische Städte, die sich als „LGBT-freie Zonen“ deklariert hatten, nicht am EU-weiten, mit finanzieller Unterstützung gekoppelten Twinning-Programm zur Stärkung von Institutionen und Verwaltung teilnehmen dürften. Der Europarat kritisierte wiederum das Vorhaben der PiS, sich aus dem Istanbul-Abkommen zurückzuziehen, das jegliche Gewalt gegen Frauen als Verbrechen einstuft. Der polnische Justizminister bezeichnete das Abkommen bereits als „feministische Schöpfung zur Rechtfertigung der homosexuellen Ideologie“. Außerdem leitete die Kommission im April das vierte Vertragsverletzungsverfahren gegen Polen ein, da ein neues Gesetz die richterliche Unabhängigkeit der polnischen Richter gefährde.

Bei all ihren Reformen zählt die PiS natürlich auf Dudas Unterstützung. Der neue, alte Präsident wird in Polen auch als „długopis“ bezeichnet; ein Wort, das nicht nur die Buchstaben PiS beinhaltet, sondern übersetzt Kugelschreiber bedeutet. Duda gilt als der, der verlässlich alles unterschreibt, was ihm das von der PiS beherrschte Parlament vorlegt.

Über die gespaltene polnische Gesellschaft denkt Rycharski viel nach: „Viele Menschen, die in den Städten leben, aber auch die Elite, versuchen, sich von der Provinz abzuschneiden. Nach dem politischen Umbau sind die Unterschiede sehr groß geworden.“ Man bräuchte Initiativen, die die Menschen wieder verbinden.Der Künstler ging dabei selbst mit gutem Beispiel voran. Er gründete ein Heils- und Hilfsprojekt, in dessen Rahmen er Landwirte dafür bezahlt, sich um LGBT-Personen zu kümmern. „Es ist wie ein sozialer Dienst. Die gemeinsame Arbeit und der Aufenthalt auf dem Bauernhof werden zu einer Art gegenseitiger Therapie, in der die Bauern unser Land von Homophobie und Hass heilen.“ Deutlich ist da die Liebe Rycharskis zum Land zu spüren und sein tiefer Glaube daran, dass die Landbevölkerung einen wichtigen Beitrag zur kulturellen Entwicklung Polens leisten kann.

Dabei seien die Bauern ja eigentlich PiS-Wähler. „Aber sie sehen das große Ganze. Wenn ich Landwirte frage, ob sie sich um eine LGBT-Person kümmern werden, ist Neugierde stärker als Angst oder Abneigung.“ Der Künstler denkt messianisch: „Ich suche einen Weg, wie Menschen einander akzeptieren können. Ich baue eine Brücke zwischen den LGBT-Leuten, den Bauern und den Konservativen. Das ist meine ganz persönliche Antwort auf den Präsidenten und seine sogenannte LGBT-Ideologie“ – Rycharskis Augen funkeln.

Das Missionarische liegt den Polen im Blut. In einem Land, in dem 86 Prozent der Bevölkerung römisch-katholisch getauft sind (laut einer 2019 durchgeführten Umfrage von Eurobarometer), spielt die Religion eine enorme Rolle.“ Die Kirche ist wichtig. Im Kommunismus waren sie die „guten Menschen“, die für die Sicherheit der Verfolgten sorgten und die Demokratie verteidigten“, erklärt Rycharski.

Doch die Zeiten haben sich geändert. So lobte der Krakauer Erzbischof Marek Jędraszewski in einer Predigt, dass die Kirche die „rote Seuche“ bekämpft habe. Um sogleich fortzufahren: „Das heißt keineswegs, dass es nicht eine neue gäbe … nicht in Rot, sondern in den Farben des Regenbogens.“ In einem Hirtenbrief 2019 nannte er die Dinge schließlich beim Namen; die sogenannte „LGBT-Ideologie“ stelle eine Bedrohung für die Freiheit aller Christen dar, ihr Ursprung sei die radikale Ablehnung Gottes.

In dieser Atmosphäre wirkt Rycharskis Werk doppelt stark. Betrachtet man etwa seine Skulptur „Kruzifix“ von zwei sich umarmenden Christus-Figuren, so drückt sie für unser Verständnis eher liebevolle Nähe als Kirchenkritik aus. Mit dem Untertitel „Hommage an Dietrich Bonhoeffer“ allerdings macht Rycharski klar, dass er christliche Liebe eher in dem nichtreligiösen Christentum des von ihm verehrten deutschen Pfarrers und Widerstandskämpfers aus dem Zweiten Weltkrieg als in der Kirche sucht. Auch ist in Polen schon allein die Andeutung, Jesus durch eine Umarmung in die Nähe von gleichgeschlechtlicher Liebe zu rücken, ein Affront. Gottes Sohn ist den Polen heilig: Nicht umsonst steht in dem Ort Świebodzin die mit 36 Metern höchste Jesus-Statue der Welt.

„Das größte Problem in Polen ist die katholische Kirche – die konservative katholische Kirche, um genau zu sein“, ist Rycharski überzeugt. Der Künstler greift sie bewusst an; etwa mit einer starken Arbeit, bei der über einem liturgischen Gewand statt der Mitra eine Ku-Klux-Klan-Kopfbedeckung schwebt. „Für mich ist die katholische konservative Kirche wie der Ku-Klux-Klan in den USA.“ Die Kirche hat im Präsidentschaftswahlkampf Duda unterstützt; im Austausch dafür winken nicht nur Geldspenden, sondern auch Gesetze, die religiösen Werten verpflichtet sind. So liegt derzeit ein Gesetzesentwurf vor, der die Adoption durch Homosexuelle verfassungsmäßig verbieten soll, sowie eine strenge Neuregelung der Erlaubnis von Schwangerschaftsabbrüchen.

Zu seinem Werk „Ku-Klux-Klan“ sagt Rycharski: „Religion ist wie ein Kostüm. Manchmal ein schönes Kostüm, aber was darunter ist, ist wichtig.“ In diesem Fall verhülle der Mantel den Hass der katholischen Kirche auf Andersartige, sorgsam eingebettet in deren traditionelle Werte.
Auch Rycharskis Skulpturen mit dem Titel „Der Tropfen gräbt den Fels“ beschäftigen sich mit der Kirche. Kuratorin Uszynska-Matt: „Die Kirchen auf dem Schutt … Sie sind klein und verlassen, sie zeigen uns die Leere der Kirche, die ihre Inhalte vergessen und die Menschen, die diese Inhalte tragen, verloren hat. Eine Kirche, die Menschen wie Daniel Rycharski diskriminiert und ausschließt.“

Und doch: „Ich bin Pole, ich kann die Wurzeln der katholischen Kirche nicht ablehnen“, betont Rycharski. Er habe daher zuerst Antworten in der Kirche selbst gesucht und einen Wandel von innen heraus versucht. „Ich dachte, ich könnte die katholische Kirche verändern. Lange Zeit, vier oder fünf Jahre, habe ich mit einer katholischen Gruppe gearbeitet, wir nannten uns die Regenbogen-Katholiken.“ Doch Veränderung sei unmöglich, und jetzt wolle er kein religiöses Christentum mehr.

Ein weiterer Aspekt von Rycharskis Kirchen- und Gesellschaftskritik ist der Umgang mit der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Die neue nationalistische Rhetorik der PiS lehnt jede Aufarbeitung ab. Dafür wurde eigens ein „Zensurgesetz“ geschaffen, das jede Andeutung einer Mitverantwortung der Polen für Verbrechen im Dritten Reich verbietet. Mit dem Hintergrund, der eventuellen „Erpressung“ von Entschädigungszahlungen vorzubeugen, die als Teil einer internationalen Verschwörung angeblich geplant sei.

Als Reaktion schuf Rycharski das Projekt „Insel“. Dafür stellte er auf einer kleinen Insel nahe seines Dorfes jüdische Grabsteine auf: Es waren Requisiten aus dem Film „Pokłosie“, der sich mit der polnischen Schuld im Zweiten Weltkrieg beschäftigt. Davor setzte er Blumen in den Farben des Regenbogens, wobei die Anzahl der Blumen jener der jüdischen Einwohner der Stadt im Jahr 1939 entsprach: „Mit dieser Arbeit verglich ich den Antisemitismus mit der Homophobie.“ Es sind Blumen für die Erinnerung und gegen den Hass: „Ich glaube an die Politik der kleinen Schritte, daran, dass wir einen langsamen Wandel starten müssen. Ich will keine Gewalt.“

Dies unterscheide die Künstlergeneration von jener der 80er- oder 90er-Jahre, erläutert Uszynska-Matt. „Die heutige Generation junger Künstler in Polen ist weniger vordergründig politisch. Da ist viel Ironie und Skepsis im Spiel. Daniel Rycharski versucht, einen stillen, nachhaltigen Aktionismus zu leben. Er protestiert mit den Mitteln der Kunst, ohne je die Dialogfähigkeit zu verlieren.“

Seine Kunst stellt damit relevante Fragen weit über Polen hinaus. Er spricht überall Menschen an, die kein geistiges Zuhause mehr finden, ihre Freiheiten nicht ausleben können oder politisch unterdrückt werden. Rycharski nickt: „Auch wenn es nicht leicht ist – es ist eben die Aufgabe des Künstlers, hinter den Vorhang zu blicken und die Vorstellungen der Leute in Frage zu stellen.“

Erstmals publiziert im September 2020 im DATUM.

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Urheberrechtliche Angaben zu Bildern sind direkt bei den Abbildungen vermerkt. Titelbild: Daniel Rycharski beim Interviewtermin in Wien. Foto: © Markus Krottendorfer