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Standpunkte

Zur Relativität des Alter(n)s und demografischen Wandels

Der Sozialwissenschaftler Bernd Marin über höhere Lebenserwartung einer jünger werdenden Gesellschaft

28. Januar 2021
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Langlebigkeit – der seit rund 200 Jahren ununterbrochene, in der Menschheitsgeschichte noch nie dagewesene stete Zugewinn an Lebenserwartung – gehört zu den erfreulichsten Errungenschaften der Moderne. Der Sozialwissenschaftler Bernd Marin fragt, wie es sein kann, dass wir zwar individuell älter aber kollektiv jünger werden und wie aus einem armen Auswanderungs- ein reiches Einwanderungsland wurde.

Langlebigkeit und Alterung hängen zwar zusammen, unterscheiden sich aber: Wiener werden wie Österreicher immer älter, doch während Österreich altert, verjüngt sich Wien seit Jahrzehnten – durch Zuwanderung, die das mittlere Alter sinken lässt. Langlebigkeitsgewinner können jung sein wie China, die Türkei und Albanien oder alt wie Japan, Frankreich, Spanien und Schweden. Doch geburtenschwache Langlebigkeitsgesellschaften wie Österreich und Italien altern viel rascher als geburtenstarke wie Israel/Palästina.

Der Demograph Sergei Scherbov und der Ökonom Warren Sanderson haben rund um das Konzept des „prospektiven Alters“ bahnbrechend neue Altersdefinitionen und -Maße entwickelt. Ihr dynamisches Konzept berücksichtigt – im Gegensatz zu den irreführenden herkömmlichen chronologischen Altersmaßen – die Faktoren Gesundheit, Sterblichkeit, Überlebenswahrscheinlichkeiten, kognitive und Arbeitsfähigkeit sowie Lebenslaufmuster. Länder wie Frankreich, England und Österreich „altern“ seit Jahrhunderten, wenn man das traditionell am Bevölkerungsanteil der über 65-Jährigen misst. Versteht man unter „alt“ jedoch jene Personen, die nur noch 15 Jahre oder weniger zu leben haben, so verjüngen sich EU-Länder seit vielen Jahrzehnten.

Die Relativitätstheorie von Alter und Altern ist eine wissenschaftliche Revolution, die bisher weder alle Ökonomen, noch die Politik erreicht hat. Dabei ist die Intuition dahinter ganz einfach: „Jung“ und „alt“ sind weder unabhängig von Raum und Zeit, noch von Konzepten und objektiven Messmethoden des Alters, noch von subjektiven Wahrnehmungen. Frauen sind immer und überall aufgrund höherer Lebenserwartung (damit aber auch in sehr unterschiedlichem Ausmaß) jünger als gleichaltrige Männer; in Russland und der Ukraine bis über ein Jahrzehnt jünger als die Männer gleichen Alters, zugleich aber ein Jahrzehnt früher „alt“ als Frauen in Frankreich, der Schweiz, Zypern und Israel.

Mick Jagger war mit 70 objektiv, d.h. nach fernerer Lebenserwartung „jünger“ als Goethe mit 50 („Weimar grüßt den ehrwürdigen Greis“) oder Mozart mit 35 Jahren. Mozart starb jung, aber jenseits der damaligen Lebenserwartung von unter 30 Jahren. Meine Großmutter hatte bei ihrer Geburt eine Lebenserwartung von 46 Jahren, so viele Jahre, wie eine heute 40-Jährige noch an Zukunft vor sich hat – eine Art Wiedergeburt in mittleren Lebensjahren. Das Pensionsantrittsalter von 62 bis 66 Jahren zu Kreiskys Zeiten entspräche heute 70 bis 74 Jahren. Tatsächlich liegt das Durchschnittsalter derzeit bei rund 60 Jahren.

Diese wissenschaftlichen Erkenntnisse haben große praktische Auswirkungen auf das gesamte Sozialsystem: Denn wer Wertsicherung durch Preisgleitklauseln und Indexierung aller Vereinbarungen von Mieten über Kollektivverträge für Löhne und Gehälter bis zu Pensionen – zu Recht – für selbstverständlich nimmt, muss diesen Automatismus auch gegen die kalte Progression der Steuergeldentwertung oder die Altersinflation zum Rentenantritt akzeptieren.

Österreich als Einwanderungsland

Österreich wurde seit den 1960er Jahren von einem armen Auswanderungsland zu einem reichen Einwanderungsland. Jahrzehntelang hatte die Politik die Augen davor verschlossen. Zuwanderung wurde tabuisiert und unbedacht als unerwünscht gekennzeichnet – mit teils giftigen Nebenwirkungen.

Doch Immigration ist längst unleugbar und unumkehrbar. Sie ist überwiegend chancenreich, wenn auch nicht risikolos. Ohne Zuwanderung würde Österreich zwar nicht aussterben, aber gefährlich schrumpfen. Allein am Arbeitsmarkt würden bis zum Jahr 2050 fast 1,5 Mio. erwerbsfähige Personen fehlen. Seit 1961 stieg die Einwohnerzahl durch Zuwanderung minus Abwanderung um 1,2 Mio. Menschen an (durchschnittlich 21.500 pro Jahr). Insgesamt leben heute 1,8 Mio. Personen mit Migrationshintergrund in Österreich. Das sind 21% der Gesamtbevölkerung.[1]

Replacement Migration nennt das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) das Ausmaß an Zuwanderung, das nötig ist, damit ein Land die aus niedriger Fertilität und Sterblichkeit resultierenden Alterungsprozesse eindämmen und drohenden Bevölkerungsschwund stoppen kann. Heinz Fassmann und Marik-Lebeck (2016) haben berechnet, dass zur Stabilisierung der Einwohnerzahl in Österreich eine jährliche Zuwanderung von 21.600 Saldo bis 2050 notwendig wäre, was ziemlich genau der realen Netto-Immigration seit 1960 entspricht. Um die benötigte Quote der Erwerbsfähigen aufrecht zu erhalten, sei dagegen eine doppelt so hohe Zuwanderung wie bisher, also 44.000 Saldo, erforderlich. Und eine stabile Alterslastquote (das Verhältnis von Erwerbs- zu Ruhestandspersonen) würde jährlich (!) 118.000 Netto-Zuwanderung bis 2020 und 225.000 bis 2030, also eine Verfünf- bis Verzehnfachung des bisherigen Netto-Zuzugs nötig machen – was kurzfristig wohl sozial unannehmbar und langfristig unwirksam wäre.

Replacement Migration als Lösung?

Neben einer konstant bleibenden Nettozuwanderung bedarf es somit auch großer Reformen am Arbeitsmarkt und im Pensionssystem. Replacement Migration allein wird ohne eine deutliche Erhöhung der Erwerbsaktivität die Finanzierungsprobleme des Ruhestands nicht einmal annähernd bewältigen können. Sie kann Zeit kaufen, um Reformen zu vertagen, sie aber nicht ersetzen. Zuwanderung sollte – wie etwa in Kanada – überwiegend über den Arbeitsmarkt (und nicht durch Familienzusammenführung, den Heiratsmarkt oder unkontrollierbare Flüchtlingsströme) erfolgen und primär qualifizierte Fachkräfte anziehen. Sie sollte leistungs- und bedarfsorientiert sein, reine Armutsmigration und Wohlfahrtstourismus möglichst unterbinden und soziale Integration gewährleisten.

Europe's Futures

Europa erlebt seine dramatischste und herausforderndste Zeit seit dem Ende des Zweiten Weltkrieg. Das europäische Projekt steht auf dem Spiel und die liberale Demokratie wird sowohl von innen als auch von außen gefordert. Von allen Seiten der staatlichen und nicht-staatlichen Akteure ist es dringend erforderlich, sich mit den brennenden Problemen zu befassen und das, was durch das politische Friedensprojekt sorgfältig erreicht wurde, zu bekräftigen.

Zwischen 2018 und 2021 engagieren sich jedes Jahr sechs bis acht führende europäische Expertinnen und Experten als Europe’s Futures Fellows. Sie schaffen damit eine einzigartige eine Plattform der Ideen, um grundlegende Maßnahmen zu präsentieren, deren Ziel es ist, die Vision und Realität Europas zu stärken und voranzutreiben. Europe’s Futures basiert auf eingehenden Untersuchungen, konkreten politischen Vorschlägen und dem Austausch mit staatlichen und zivilgesellschaftlichen Akteuren, dem öffentlichen Diskurs und Medien.

Ungesteuerter Zuzug (am Höhepunkt der Flüchtlingswelle 2015 lag er bei 84%) birgt große Risken, ist aber wegen der Niederlassungsfreiheit in der EU (die für 43% der Zuwanderung verantwortlich war) und unvorhersehbarer Kriegsentwicklungen und Flüchtlingswellen (die 2015 ganze 41% des Zuzugs ausmachten) nicht auszuschließen. Doch niemand konnte und kann Krisen und (Bürger-)Kriege wie 1956 in Ungarn, 1968 in der Tschechoslowakei, 1980 in Polen, 1991 in Bosnien-Herzegowina, 1994 in Tschetschenien oder nach 2004 im Irak, Syrien, Afghanistan oder verschiedenen afrikanischen Ländern vorhersehen.

Neben dem Management humanitärer Verpflichtungen gegenüber Asylwerbern, für die Österreich durchaus ein weltweiter Magnet an Attraktivität ist, kommt daher auch der Arbeitsmarktpolitik gegenüber Drittstaaten (z.B. eine Reform der Rot-Weiß-Rot-Karte für Schlüsselarbeitskräfte) und „sanfter“ Steuerung innerhalb der EU eine wichtige Rolle zu.

Wenn etwa ab den 2030er Jahren fast eine Million ÖsterreicherInnen über 80 sein wird und sich die Zahl der Pensionsberechtigten um eine weitere Million auf drei Millionen erhöht, müssen zigtausende zusätzliche Pflegekräfte ausgebildet und gezielt angeworben werden. Völlig untauglich ist, wenn wie 2016 kaum 0,6% aller Zuwanderer als Schlüsselarbeitskräfte kommen und auf jeden Rot-Weiß-Rot-Karteninhaber 11,5 Familienangehörige ins Land geholt werden.

Auch hier ist ein Paradigmenwechsel nötig: von der gering qualifizierten „Gastarbeiterwanderung“ zur globalen Talentesuche. Um Wissensarbeiter, kreative Talente, Forscherinnen, Fachleute und begehrte Professionals sowie Headquarters internationaler Unternehmen und Institutionen anzuziehen, werden „amenities“ wie attraktive Natur- und Lebensqualität, Kultur-, Tourismus-, Sport- und Freizeitangebote, die Qualität des Bildungs- und Gesundheitssystems usw. immer wichtiger. Standortkonkurrenz wird amenity migration.

Doch die „OECD Indicators of Talent Attractiveness“ 2019 zeigen, dass Österreich für hochqualifizierte Arbeitskräfte und Studierende sowie Unternehmer aus dem Ausland nur mäßig attraktiv ist: es nimmt bloß den 11. Platz unter 35 OECD-Ländern ein. Weltweit am attraktivsten sind die klassischen Einwanderungsländer Kanada und Neuseeland sowie die Schweiz, gefolgt von Schweden, Norwegen und Deutschland. Als nachhaltiger Hochleistungsstandort mit Wohlfahrtsgesellschaft muss Österreich amenity migration erst noch lernen.

[1] 2016 war der Anteil nicht eingebürgerter Ausländer an der Bevölkerung mit 17,4% (1961: 1,4%) einer der höchsten europa- und weltweit. Wobei neben traditionellen „Gastarbeiter“-Gruppen aus der Türkei und dem vormaligen Jugoslawien die EU-Personenfreizügigkeit vor allem Deutsche, Rumänen, Ungarn und Polen nach Österreich bringt. Durch die Niederlassungsfreiheit innerhalb der EU spielen neben der Arbeitssuche auch Studium, Heiratsmarkt, Familiennachzug, Wohlfahrtstourismus und andere Motive eine Rolle.

Erstmals publiziert in der IWMpost Nr. 124 (Herbst / Winter 2019). Der vorliegende Text ist im Rahmen des Europe’s Futures Projekts entstanden.

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